Amin Tabatabaei gewinnt an Brett eins, geht als Spitzenreiter in die letzte Partie (OIBM, 8. Runde)
Ein Läufer kann sich nicht zweiteilen. Manchmal ist das ein Problem. Wenn es auf dem Brett zum Beispiel so steht…
…, dann wäre ein zweigeteilter schwarzfeldriger Läufer überaus praktisch. Er könnte gleichzeitig den wunden Punkt b6 decken und auf f8 ausharren, damit garantiert nichts auf h6 einschlägt. Die schwarze Stellung wäre nicht zu knacken.
Luis Engel hatte in der Spitzenpartie gegen Amin Tabatabaei einen schwarzfeldrigen Läufer, aber zwei wunde schwarzfeldrige Punkte. Ob die schwarze Stellung zu knacken ist, das sahen bald auch minderbegabte Schachspieler wie der Schreiber dieser Zeilen, würde davon abhängen, ob Weiß eine Konstellation konstruieren kann, in der es sich günstig auf h6 reinprügeln lässt.
Nicht einmal der hochbegabte Schachspieler Luis Engel vermochte zu verhindern, dass es nach 59 Zügen so stand:

Der schwarzfeldrige Läufer hat b6 gedeckt gehalten, aber kam nach dem Schwenk der weißen Kräfte nicht schnell genug zum anderen Krisenherd. Jetzt geht und geschah 60.Lxh6 gxh6 61.Tfxf6! mit weißer Gewinnstellung.
Damit ist die Frage beantwortet, wie die Partie am ersten Brett ausgegangen ist. Aber es stellt sich angesichts dieses Diagramms eine andere: Wie, bitteschön, sind die weißen Türme nach f5 und vor allem nach g6 gekommen?
Nun, das ging so:
Wir zeigen das hier in aller Ausführlichkeit, um zu dokumentieren, dass während der achten Runde der OIBM am ersten Brett strategische Feinkost serviert wurde (inklusive dem bislang nicht erwähnten weißen Königsmarsch quer übers Brett). Im Ergebnis haben wir jetzt zum dritten Mal einen alleinigen Tabellenführer. Elofavorit Amin Tabatabaei vom FC Bayern München hat nach 24 Stunden Luis Engel von der Spitze des Feldes gekegelt, um dort selbst zu thronen – vor sieben Verfolgern mit einem halben Punkt Rückstand.

Amin Tabatabaei geht nach seinem Sieg über Luis Engel als alleiniger Tabellenführer in die Schlussrunde. | Foto: Sandra Schmidt
Sollte Tabatabaei auch in der neunten und letzten Runde gewinnen, wäre ihm der Turniersieg sicher. Begnügt er sich mit einem Remis, könnte das nicht reichen, abhängig davon, wer aus der Gruppe der Verfolger gewinnt. Einige der Verfolger haben eine bessere Wertung, da Tabatabaei mit einem kampflosen Remis ins Turnier eingestiegen ist und deswegen nominell etwas schwächere Gegner hatte als diejenigen, die von Beginn an voll gepunktet haben.

Nach seinem Schwarzsieg in der achten Runde über IM Jin Yueheng wird Dominik Horvath (links) am Sonntag am ersten Brett die weißen Steine führen. Und es wird sich zeigen müssen, ob die Kontrahenten kämpferisch gestimmt sind. | Foto: Sandra Schmidt
So oder so, Luis Engel, Szymon Gumularz, Abdimalik Abdisalimov, Brewington Hardaway, N R Visakh und Dominik Horvath mit ihren jeweils 6,5 Punkten sind davon abhängig, wie in der neunten Runde die Partie von Tabatabaei ausgeht. Das gilt insbesondere für Horvath, der mit den weißen Steinen höchstselbst auf den Tabellenführer trifft.
Auch in den Gruppen, in denen um Sonderpreise gespielt wird, ist längst nicht alles klar. Brewington Hardaway ist in der U16 zwar konkurrenzlos vorne, spielt aber um den Turniersieg mit. Sollte er sich dort einen Preis sichern, wäre die U16-Konkurrenz offen. Nebenbei ist Hardaway dafür mitverantwortlich, dass die Frauenkonkurrenz so knapp ist wie selten. In der achten Runde besiegte der US-Boy die Kasachin Liya Kurmangaliyeva, deren Traum von der GM-Norm damit ausgeträumt ist, und deren Führung in der Frauenkonkurrenz nun wackelt.
Sieben Frauen, wahrscheinlich ein Novum in der OIBM-Geschichte, stehen vor der letzten Runde punktgleich mit 5,5 Zählern da, nach Wertung angeführt von Kurmangalieva. Mit Svenja Butenandt vom FC Bayern München hat sich eine Lokalmatadorin in diese Siebenergruppe geschoben. Nach wackeligem Start (1,5/3) hat Butenandt aus den folgenden fünf Partien vier Punkte geholt.

Sonderpreis für Christian Böhmer, dessen gleichermaßen mitfühlend und kompetent kommentierte Gewinnpartie aus der siebten Runde am Sonntag an dieser Stelle zu sehen sein wird. | Foto: Sandra Schmidt







