Über „eine ziemlich coole Partie“ freute sich Abhiraaj Arora – zu Recht. In der fünften Runde gelang ihm eine Sizilianisch-Dekonstruktion wie aus dem Lehrbuch. Springer auf f5 geopfert, rumms, rumms, aus. Diese Vorstellung soll den 540 Mitspielerinnen und Mitspielern nicht entgehen, darum sei sie hier verewigt:

Abhiraaj Arora. | Foto: Sandra Schmidt

2024 war seine Ausbeute eher dürftig. Nadeesh Ingo Lindam war 2025 darum mit dem Vorsatz zum Tegernsee gefahren, so schöne Partien zu spielen, dass sich die eine oder andere hier vorzuzeigen lohnt. In den ersten drei Runden, naja, schöne Ansätze, aber auch Schönheitsfehler, wie Lindam mitteilt. In Runde vier war es dann soweit. Nicht nur eine sehr schöne Partie, auch die Fortsetzung eines Kanons gelang Lindam.

Einen Eröffnungstrainer braucht Ingo Lindam offensichtlich nicht, darum bekam er von Sebastian Siebrecht einen Endspieltrainer. | Foto: Sandra Schmidt

Nachdem er schon 2022 mit gelungenen Tolush-Geller-Partien an dieser Stelle vertreten war, hier das nächste Kapitel:

„Erfüllt nicht ganz die Kriterien für einen Schönheitspreis“, schreibt Paulus Wolfahrt zur folgenden Partie aus der fünften Runde. Mag sein, aber die Kriterien für eine Veröffentlichung im Turnierblog erfüllt sie allemal. Es ist beim Schach nun einmal so, dass die Gegnerin oder der Gegner ein wenig mithelfen muss, damit unsere Kombinationen funktionieren. In diesem Fall hatte Paulus Wohlfahrt die Kombination aus der Ferne erspäht, aber es bedurfte eben besagter Hilfe, dass sie aufs Brett kommt.

Paulus Wohlfahrt. | Foto: Sandra Schmidt

Und damit ins Turnierblog:

Als nach nicht viel mehr als einer Stunde am zweiten Brett Brewington Hardaway und der Co-Führende Kirk Ghazrian einen US-amerikanischen Nichtangriffspakt besiegelten, war der Weg an die Tabellenspitze frei. Luis Engel oder Abdimalik Abdisalimov? Fest stand: Wer das Duell dieser beiden Großmeister am ersten Brett gewinnt, führt zwei Runden vor Schluss alleine die Tabelle an.

Noch hat der alleinige Spitzenreiter Luis Engel Anlass, sich umzugucken. Drei Verfolger sind ihm mit einem halben Punkt Abstand auf den Fersen. | Foto: Sandra Schmidt

Schon als die US-Boys Frieden schlossen, zeichnete sich ab, dass Luis Engel gute Chancen haben würde. In einem scharfen sizilianischen Gefecht hatte er seinen gesamten Königsflügel nach vorne geworfen und zugleich eine perfekt getimte Rochade an den Damenflügel hingelegt, wo sein König zumindest temporär in Sicherheit sein würde. Es sah früh bedrohlich aus für Abdisalimov, und diese Einschätzung sollte sich über die Dauer der Partie nicht ändern.

Es bedarf keiner 2600 Elo, um hier auf die einzige Lösung zu kommen, da sie sich angesichts der schwarzen Drohungen per Ausschlussverfahren finden lässt. Nachdem das bisherige Geschehen im Zeichen gegenseitigen Angriffs stand, ist nun der richtige Weg, umzudenken und die Damen vom Brett zu nehmen. Nach etwa 29.Ld3 Ta8! wäre Schwarz dick im Geschäft. Nicht so nach 29.Dd3!, wonach Schwarz nichts anderes bleibt, als die Damen zu tauschen. Schwarz bekommt sogar ein Endspiel mit Mehrbauer, aber unter anderem wegen der chronischen schwarzen Grundreihenschwäche ist die Stellung trotzdem für Weiß gewonnen.

Aber der Charakter der Partie. Es wurde dann doch kein Matt-Wettrennen auf zwei Flügeln, sondern ein Endspiel, in dem der Usbeke sogar einen Mehrbauern sein Eigen nennen durfte. Freude wird ihm dieser materielle Mehrbesitz nicht bereitet haben. Die Lage war unverändert trostlos, der schwarze König in höchster Mattgefahr auf der Grundreihe festgenagelt. Als im 39. Zug ein Matt in 8 auf dem Brett stand, gab sich Abdisalimov geschlagen.

39.Lc4+ nebst Matt in 8.

Luis Engel ist damit der zweite alleine Führende des Turniers, nachdem Szymon Gumularz es in der fünften Runde gelungen war, sich mit einer 100-Prozent-Bilanz von der Meute abzusetzen. In Runde sechs besiegte Engels Gumularz, in Runde sieben nun Abdisalimov. Nur gegen WGM Zsoka Gaal in Runde drei ließ der 23-Jährige einen halben Zähler.

Elofavorit Amin Tabatabaei. | Foto: Sandra Schmidt

Gelutscht ist der Drops noch lange nicht. Drei Großmeister mit einem halben Punkt Abstand sind dem angehenden Juristen Engel auf den Fersen, und alle drei können noch auf eine erfolgreiche Berufung hoffen: Besagter Kirk Ghazarian hat seine Schwarzpartie (bzw. Nichtpartie) in der siebten Runde genutzt, um Kraft für den Endspurt zu schöpfen. Elofavorit Amin Tabatabaei hat, ebenfalls mit Schwarz, am dritten Brett eine technische Partie überzeugend gewonnen und ist mit 6/7 nun endgültig im Rennen um den Turniersieg. Dazu kommt jemand, von dem an dieser Stelle noch gar nicht die Rede war, zumindest nicht dieses Jahr.

Plötzlich ganz oben aufgetaucht: Chanda Sandipan. | Foto: Sandra Schmidt

Tegernsee-Stammgast Chanda Sandipan hatte sich in Runde drei und vier Remisen gegen nominell deutlich schwächere Gegner erlaubt und war deswegen im bisherigen Verlauf des Wettbewerbs noch nicht in der Nähe der Tabellenspitze aufgetaucht. Das hat sich nun geändert. Sollte es eines Nachweises seiner Klasse bedurft haben, sein Schwarzsieg über Luis Engel in der siebten Runde mit seinem geliebten Stonewall sollte dafür bequem ausreichen. Auch der Inder hat nach diversen Anläufen in den Vorjahren mit 6/7 nun die Chance, zum ersten Mal die OIBM zu gewinnen.

45.Lg6 war der letzte Fehler – wenn es Schwarz gelingt, die Gewinnaufstellung zu finden. Die geht so: Erst den Läufer nach b3, und wenn Weiß dann Lf7 zieht, marschieren wir mit dem König über b5 und c6 nach d5, holen d4 ab, und Weiß kann aufgeben. In der Partie ließ sich das Leonardo Costa nicht bis zum Ende zeigen.

Jiri Stocek, OIBM-Sieger 2023, wird den Titel zumindest in diesem Jahr nicht zum zweiten Mal gewinnen. Mit 5,5 Punkten liegt der tschechische Großmeister auf Rang 12. | Foto: Sandra Schmidt

Theoretisch ließen sich wahrscheinlich Szenarien konstruieren, in denen am Ende jemand ganz oben steht, die nach 7 Runden auf 5,5 Punkte kommt. …die? Ja! Liya Kurmangaliyeva hat in der siebten Runde wieder gewonnen, wieder sehenswert, diesmal mit Schwarz gegen Ashot Parvanyan. Mit 5,5/7 und einer Performance jenseits der 2600 ist für die 20-jährige Kasachin nun sogar eine Großmeisternorm greifbar. Und, ohne den Simulationsrechner konsultiert zu haben, bestimmt existiert ein Universum, in dem sie am Ende sogar auf Rang eins der Tabelle steht. Allzu weit nach oben rücken muss sie dafür nicht mehr. Aktuell steht sie auf Rang sieben als Wertungsdrittbeste des guten Dutzends Spieler mit 5,5 Punkten.

Was Liya Kurmangaliyeva am Ende gegen Ashot Parvanyan aufs Brett stellte, glich einer Demonstration. Dies ist die Schlussstellung nach 33…g5: Das tödliche Springerschach auf f4 ist nicht zu verhindern.

Theoretische Prognosen gehen in beiden Richtungen. Bestimmt existiert auch ein Universum, in dem sie am Ende mit leeren Händen dasteht. Im Rennen um den Frauenpreis sind die Verfolgerinnen nach Wertung zwar abgehängt, aber nach Punkten nicht abgeschüttelt. Jana Schneider und Lilit Mkrtjan lauern mit 5/7 auf einen Ausrutscher von Kurmangaliyeva.

Jana Schneider (r.) knöpfte in der siebten Runde Patrick Zelbel einen halben Punkt ab. | Foto: Sandra Schmidt

Nachzutragen sind noch die Ergebnisse des traditionellen Blitzturniers im Zelt zum Bergfest: 30 Teilnehmer spielten in fünf Vorgruppen und dann in fünf Finalgruppen, sodass jede und jeder zehn Partien absolvierte. Das komplette Startgeld, 300 Euro, wurde als Preisgeld ausgeschüttet. Dazu kamen von Chessware gestiftete Sachpreise.

Die Teilnehmer mit Turnierdirektor Sebastian Siebrecht (l.).

Als unaufhaltsam entpuppte sich Großmeister Christian Bauer, der alle zehn Partien gewann. Auf den Plätzen: GM Dominik Horvath und FM Levi Malinowsky.

Das Siegertrio Christian Bauer (M.), Daniel Horvath (l.) und Levi Malinowsky. | Foto: Sebastian Siebrecht

YouTuber Gerry „Gunny“ Leusch ist als Begleiter seiner Trainingsgruppe bei der OIBM mit von der Partie. | Foto: Sebastian Siebrecht

Wie viel und wie gerne Christian Bauer Schach spielt, lässt sich an der Fortschrittstabelle der OIBM 2025 ablesen. Der 1977 in Forbach geborene Schachgroßmeister ist direkt von einem Turnier in Frankreich angereist, hat am Tegernsee sogar die erste Runde ausgesetzt, um teilnehmen zu können. Nächste Jahr wolle er weniger spielen, beteuert Bauer im Interview für das Turnierblog, das wir nach der sechsten Runde geführt haben.

Bauer gewann dreimal die französische Meisterschaft (1996, 2012, 2015) und erreichte im August 2012 mit einer Elo-Zahl von 2682 Platz 69 der Weltrangliste – seine beste Position. Für Frankreich spielte Bauer bei mehreren Schacholympiaden und Europameisterschaften, wo er 2001 Silber und 2005 Bronze im Team gewann.

„Ich spiele riskant“, räumt Bauer ein, was sich wahrscheinlich auch seine oft originelle Eröffnungswahl bezieht. Als Autor hat er eine ganze Reihe anerkannter Fachbücher veröffentlicht, unter anderem Eröffnungswerke über die semikrummen Eröffnungen, die Teil seines Repertoires sind, die Nimzowitsch- oder die Aljechin-Verteidigung etwa. Bauer ist auch ein gefragter Coach, der gerade erst den Schweizer Jugendkader bei der Weltmeisterschaft betreut hat.

Christian Bauer. | Foto: Sandra Schmidt

Das Interview:

Christian, warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?

(lacht) Mein Vater, Deutschlehrer, würde nicht sagen, dass ich so gut spreche. Ich bin in Moselle aufgewachsen, etwa 15 Kilometer von Saarbrücken entfernt, und damals war Deutsch im Gymnasium die erste Fremdsprache. Im Alltag haben wir zu Hause Französisch gesprochen, aber die Nähe zum Deutschen war da. Später habe ich dann angefangen, Turniere in Deutschland zu spielen – da kam die Sprache automatisch.

Du spielst viel, bist gerade direkt von einem Turnier in Frankreich an den Tegernsee gefahren. Keine Zeit für Pausen?

Ich habe mir tatsächlich vorgenommen, mein Pensum etwas zu senken. Nächstes Jahr will ich weniger spielen. Aber noch läuft’s ganz gut. Ich werde am Jahresende wahrscheinlich um die 30 Blitz- und Rapidturniere gespielt haben, plus sechs oder sieben klassische. Es macht mir immer noch Spaß, auch wenn es schwieriger wird, starke Turniere zu gewinnen.

Weil die Gegner jünger und besser werden – oder weil du den Zahn der Zeit spürst?

Ein bisschen von beidem vielleicht. Ich weiß nicht, ob die Jungen wirklich besser sind als früher. Sie lernen viel auswendig, aber nicht immer mit Verständnis. Es gibt viele, die schnell Fortschritte machen, aber nicht alle sind wirklich stark. Mein Eindruck ist: Sie verteidigen besser, aber sie verstehen die Grundlagen oft weniger.

Du bist ja auch Trainer. Versuchst du bei deinen Schülern genau da anzusetzen – Verständnis statt Auswendiglernen?

Absolut. Zum Beispiel vor drei Wochen in Albanien bei der WM, dort habe ich für die Schweiz gecoacht. Auch im Einzeltraining arbeite ich meist mit jungen Spielern und betone immer: Theorie ist schön, aber wenn man nicht versteht, was man tut, bringt das nichts.

Masterclass mit Christian Bauer am Rande der OIBM. | Foto: Sebastian Siebrecht

Wie verbringst du hier am Tegernsee deine freien Stunden?

Unspektakulär. Vormittags schaue ich meistens beim World Cup zu, und vor den Partien versuche ich, ein wenig zu schlafen. Meistens gehe ich zu Fuß zum Spielsaal, das dauert etwa 35 Minuten. Nach der Runde gehe ich noch ein bisschen spazieren, schaue abends vielleicht eine Netflix-Serie. Wandern gehe ich eher nicht, das wäre mir zu anstrengend. Ich will meine Energie fürs Schach sparen.

Heute hast du verloren. Viele Spieler sind nach so einem Tag schlecht anzusprechen, aber du klingst erstaunlich gelassen.

Das war nicht immer so. Früher habe ich mich mehr geärgert, aber mittlerweile gehe ich besser damit um. Ich spiele nun einmal riskant, dadurch verliere ich öfter als andere, das ist Teil meines Stils. Wichtig ist, dass man die Freude nicht verliert.

Nigel Short gegen Jan Timman, Tilburg 1991, klingelt da etwas? Falls nicht, bitte nachschauen 🙂

Patrick Zelbel. | Foto: Sandra Schmidt

IM Patrick Zelbel wird wahrscheinlich zustimmen, dass sein Königsmarsch vom Tegernsee 2025 nicht ganz an die spektakuläre Wanderung heranreicht, mit der Nigel Short vor 34 Jahren in die Schachgeschichte eingegangen ist. Schön und veröffentlichungswürdig war er trotzdem. Im 35. Zug startet der Monarch auf g2, nur um fünf Züge später als Mattsetzhilfe auf h6 aufzutauchen:

Mit Simon Reinhard ist der zweifache Gedächtnisweltmeister Teil des Turniers. Wer mit seinem Siebgedächtnis hadert (gar nicht einmal beim Schach), dem bietet er Hilfe: Gedächtnistechniken, die jeder lernen kann. Simon sagt, schon viele Vereinsspieler und mehrere Großmeister hätten seine Kurse belegt.

Am Tegernsee ist Reinhard nicht als Gedächtnisweltmeister, sondern als Schachspieler. „Könnte interessant sein“, schreibt er zu folgender Partie aus der vierten Runde – und bezieht sich ausdrücklich auf die zweite Hälfte der Partie. Die erste sei der Vollständigkeit halber gezeigt, aber an dieser Stelle nicht weiter erwähnt. Was danach kam, war originell, raffiniert und stellenweise studienartig. Ein Pendelmanöver, eine studienartige (am Brett nicht gesehene) Rettung, eine Desperado-Drohung, unter Turmopfer abgewehrt, und ganz am Ende sogar ein paar Steinitz-von-Bardeleben-Vibes.

Simon Reinhard. | Foto: Sandra Schmidt

Damit wir folgen können, war Simon Reinhard so freundlich, das Werk aus der vierten Runde zu kommentieren:

 

Den alleinigen Platz an der Sonne belegte Szymon Gumularz für 24 Stunden. In der sechsten Runde traf der Tabellenführer auf Luis Engel, und knapp fünf Stunden später waren die 100-Prozent-Bilanz und die alleinige Tabellenführung dahin.

Luis Engel (links) gegen Szymon Gumularz. | Foto: Sandra Schmidt

Der Großmeister aus Hamburg entschied die Partie am ersten Brett für sich und führt nun selbst als Teil eines Trios, das mit 5,5 Punkten aus 6 Partien vorne steht. Neben Engel stehen der usbekische Großmeister Abdimalik Abdisalimov sowie der US-Großmeister Kirk Ghazarian vorne. Engel und Abdisalimov, jeweils Jahrgang 2002, sind die Senioren dieser Dreiergruppe. Ghazarian, Jahrgang 2006 und seit 2024 Großmeister, dürfte fast noch in der Jugendkonkurrenz mitspielen. Nach Wertung liegt Engel vor den beiden Konkurrenten mit 5,5 Punkten.

Ein arger Missgriff des Tabellenführers. Jetzt 13…Lxf3, und bei Weiß fällt eine ganze Figur um. Gumularz gab nicht auf, kollabierte nicht, sondern versuchte konsequent, Probleme zu stellen. Er zwang Luis Engel in eine beiderseitige Zeitnot und hangelte sich bis in ein Endspiel, das nicht trivial war, aber letztlich nicht zu retten.

Luis Engel hat schon vor einigen Jahren beschlossen, dass er seine Gabe fürs Schach nicht bis zum Äußersten ausreizen möchte. Aber ein ambitionierter Amateur sein, das will er durchaus, und nach Luis-Engel-Maßstäben bedeutet das, sich dahin zu orientieren, wovon 99,9 Prozent aller Amateure nur träumen können: Elo 2600. Das hat Engel jetzt im Interview für unser Turnierblog erklärt. Und festgestellt, die 2600 seien ja nicht mehr weit weg.

Rumms! Mit 28.Lxh6! bog Abdimalik auf die Siegerstraße ein. Die Gemeinheit besteht darin, dass 28…gxh6 nicht funktioniert: 29.Txf5! nebst Dg4+ und aus.

Das gilt umso mehr nach dem Sieg über Gumularz. Bislang steht eine Performance von 2776 zu Buche, das bedeutet ein Eloplus von knapp 12 Punkten. Damit steht Engel, Stand nach der 6. Runde, bei 2579. Vielleicht liegt es am Rückenwind, der ihn an den Tegernsee getragen hat? Gerade erst hat Luis Engel das Open in Amsterdam gewonnen, und er scheint am Tegernsee weiterzumachen, wo er an der Amstel aufgehört hat.

Sieht aus wie eine normale, in der Nähe des Ausgleichs befindliche e4/e5-Stellung. Ist auch eine, aber nur, wenn Schwarz erkennt, welche gewaltige positionelle Drohung in der Luft liegt, und ihr begegnet. Es droht Sxf6+ nebst Sh2!(-g4) und f4 mit Öffnen der f-Linie, Druck gegen f7 und Spiel gegen den schwarzen König. Das ist genau das, was nach 13…Sb8? passierte, und nach 24 Zügen war es vorbei. Tegernsee-Stammgast Martin Forchert mit nun 4,5 Punkten wird das Turnier nicht gewinnen, streitet aber mit dem fast gleichauf liegenden Tegernsee-Stammgast Dieter Morawietz um den Seniorenpreis.

Bei drei noch zu spielenden Runden wird der Kreis derer, die am Ende das Turnier gewinnen können, naturgemäß überschaubar. Deutlich größer als das Trio, das nach der jetzigen Momentaufnahme führt, ist er trotzdem. Die sieben Spieler mit einem halben Punkt Rückstand gehören allemal dazu, darunter der entthronte Tabellenführer Gumularz, darunter Elofavorit Amin Tabatabaei, darunter auch ein Lokalmatador.

Elofavorit Amin Tabatabaei in Lauerstellung. | Foto: Sandra Schmidt

Leonardo Costa aus München, auch der mit den 2600 im Blick, hat sich in der sechsten Runde dank eines Schwarzsieges über den indischen IM Rathanvel in die Verfolgergruppe geschoben. Allerdings schleppt Costa ein Wertungsproblem mit sich herum. Er kann noch so oft gewinnen, seine Punkteteilung zum Auftakt führt dazu, dass sein Gegnerschnitt stets etwas geringer sein wird als der der meisten Konkurrenten.

Benjamin Glock bekommt von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht einen Preis für, nein, nicht für die Schachfliege, sondern für eine Königshatz, die er fürs Turnierblog kommentiert hat. | Foto: Sandra Schmidt

Ein Wertungsthema prägt auch die Frauenkonkurrenz. Nach Punkten haben die Inderin Swaminatnaa Soumya und Jana Schneider zu den führenden Kasachinnen Liya Kurmangalieva und Alua Nurman aufgeschlossen. Während die beiden Erstgenannten in der sechsten Runde gewannen, remisierten die beiden Letztgenannten, jeweils gegen Großmeister.

Liya Kurmangalieva hat schon zwei GM besiegt, darunter den Usbeken Ortik Nigmatov, der ihr hier (5. Runde) gegenübersitzt. | Foto: Sandra Schmidt

Zwar stehen alle vier bei 4,5 Punkten, aber nach Wertung trennen sie Welten. Tatsächlich segeln Kurmangalieva (die schon zwei GM besiegt hat) und Nurman (die noch keine Partie verloren hat) mindestens auf IM-Kurs. Sollte es Kurmangalieva mit ihrer bisherigen Performance von 2556 schaffen, noch eine Schüppe draufzulegen, sogar eine GM-Norm könnte greifbar werden.

Von Yvonne Malinowsky

„Bist du eigentlich die Schwester von Levi?“
Und: „Bist du auch so stark wie dein großer Bruder?“

Diese Frage, halb neugierig, halb erwartungsvoll, fällt hier auf der OIBM erstaunlich oft.
Und jedes Mal fragt man sich: Welche Antwort ist denn jetzt die richtige?

Von Levi hat man zumindest in Schleswig-Holstein schon gehört: der Junge mit der Elo, dem frischen FM-Titel, den Erfolgen.
Aber Celina? Wer ist eigentlich Celina?

Teilen Leidenschaft und Siege, fiebern mit dem anderen mit: Celina und Levi Malinowsky. | Foto: Yvonne Malinowsky

Nun, Celina ist Levis Schwester.
Aber eben nicht nur das.

Denn was viele Geschwisterkinder kennen, kennt auch sie:
Auf den ersten Blick steht man im Schatten des Bruders oder der Schwester, allerdings nur, weil andere die Scheinwerfer auf sie ausrichten.
Alle schauen zur Sonne, kaum einer bemerkt den Mond.
Obwohl er die ganze Nacht für uns da ist.

Alle schauen zur Sonne, kaum einer bemerkt den Mond. | Foto: Yvonne Malinowsky

Wir setzen Maßstäbe nach dem, was wir zuerst sehen, oft die falschen.
Und so entstehen Vergleiche, Urteile, Erwartungen.
Viele Erwachsene sagen später, sie hätten darunter gelitten: unter dem vermeintlich „schlauen Bruder“ oder der überschätzen „begabten Schwester“.

Celina?
Sie war von Anfang an Levis größter Fan, seine Supporterin seit Tag eins.
Ja, richtig gelesen, seit seiner Geburt.
Denn obwohl sie inzwischen „die kleine Schwester“ ist, ist sie tatsächlich die Ältere.

Celina ist die, die Pläne zurückstellt, wenn wieder „eine wichtige Partie“ ansteht.
Die akzeptiert, dass Urlaube sich nach Turnieren richten.
Die am Bildschirm mitfiebert, wenn Levi bei Jugend-WM, Deutscher Meisterschaft oder Open spielt.

Und sie ist auch die, die während Levi seine Titel zum CM und FM machte, ganz nebenbei ihr Abitur schaffte, studierte und letzten Monat ihren Bachelor of Science ablegte.

Halbmarathon vor dem Frühstück? Klar, kein Ding. | Foto: Yvonne Malinowsky

Celina war früher ebenfalls Kaderspielerin, allerdings im Fußball.
Heute ist sie am liebsten wandernd oder laufend unterwegs.
100 Kilometer in 24 Stunden am Stück?
Kein Problem, sie zieht dich durchs Dunkel, gibt nicht auf, während diesmal Levi zuhause auf Instagram mitfiebert.
Schaffen sie es? Halten sie durch ?
Und ja, mit Celina an der Seite schafft man es.

Halbmarathon? Klar.
Marathon? Wird schon klappen.

Sie nimmt sich selbst dabei so herrlich uneitel auf die Schippe, dass selbst Levi beim Chessbase-Training lachen muss.
Vor einer Partie zählt bei ihr das gut sitzende Outfit und die liebevoll gepackte Brotdose.
„Muss reichen“, sagt sie dann lachend.

Ernährungspläne? Trainingsstrategien?
Kennt sie. Liest sie gern. Ignoriert sie charmant.
Ein Latte Macchiato und ein Keks vor dem Lauf, auch das reicht, wenn man Humor hat.

Dieses Jahr spielt Celina erstmals selbst bei der OIBM.

Mit Brotdose, Lächeln und Lust auf den Tag.

Sie genießt das Turnier, den See, den Käfer-Shop (ja, den mit den Souvenirs!) und verbindet Schach mit Urlaub.

Neid und Missgunst bei den beiden? Fehlanzeige.
Sie teilen ihre Leidenschaft und ihre Siege:
Viermal in Folge sind sie nun Landesfamilienmeister in Schleswig-Holstein.

Und wie es sich für echte Champions gehört,
gibt’s auch ein Sieger-Ritual:
Ein Kinder-Joy-Ei wird feierlich verspeist.

Der Preis für Champions. | Foto: Yvonne Malinowsky

Nur nach einem Sieg, versteht sich, denn ohne Ziele ist das Leben nur ein Remis.

Und wer jetzt immer noch denkt, er spiele „gegen Levis kleine Schwester“, sollte wissen:

Er spielt gegen eine Wirtschaftsinformatikerin, die, wie gestern Morgen zum Beispiel, bereits vor dem Frühstück, einen Halbmarathon um den Tegernsee gelaufen ist, ihre Partie vorbereitet hat und jetzt, mit etwas mehr Zeit nach dem Studium, auf Titeljagd gehen wird.

„WCM…., sie wird kommen, irgendwann, ganz ganz bestimmt……“

Zuletzt 2019 war Luis Engel zum Schachspielen am Tegernsee, damals als eines der beiden überragenden Talente des deutschen Schachs – und als jemand, der Schach liebt, aber dem Sport nicht sein Leben widmen will. Inzwischen ist Luis Engel 23, hat sein Jurastudium fast abgeschlossen, das erste Examen geschrieben. Jetzt nimmt er sich ein Jahr Zeit, um wieder ernsthaft Schach zu spielen. Der Deutsche Meister von 2020 und Sieger des German Masters 2021 spricht über den Neustart am Brett, die Balance zwischen Kanzlei und Turniersaal und darüber, warum der Tegernsee für ihn der perfekte Ort für sein Schachjahr 2025/26 ist.

Großmeister Luis Engel. | Foto: Sandra Schmidt

Wir haben das Gespräch nach der ersten Runde geführt:

Luis, nach der OIBM 2019 wieder am Tegernsee! Warum die lange Pause, und was führt dich diesmal her?

Es hat sich seit 2019 einfach nicht ergeben. In den vergangenen Jahren war ich stark mit meinem Jurastudium beschäftigt und hatte wenig Zeit für Turniere – meist nur zwei oder drei pro Jahr. Im Februar habe ich mein erstes Examen geschrieben und mir danach ein Jahr genommen, um wieder mehr Schach zu spielen. Ich möchte sehen, wie weit ich noch komme. Jetzt habe ich endlich die Zeit für ein Turnier wie dieses, das mit An- und Abreise gut zehn Tage dauert. Von 2019 bringe ich schöne Erinnerungen mit: ein starkes Turnier in einer wunderbaren Umgebung. Außerdem studiert meine Freundin in München. Sie war gestern schon da, wir können uns gegenseitig besuchen. Diesmal passt alles zusammen.

Wie nutzt du die Freizeit hier?

Wenn das Wetter gut ist, laufe ich gerne um den Tegernsee. Ich laufe generell gern, und hier ist die Gegend einfach traumhaft dafür. Aber ich achte natürlich darauf, dass es nicht zu anstrengend wird. Ich will ja nicht erschöpft ans Brett kommen. Außerdem werde ich das gute Essen genießen, das gehört hier dazu.

Du hast gerade in Amsterdam ein Turnier gewonnen.

Ja, das Amsterdam-Open. Ich war zwar nominell Favorit, aber das allein gewinnt noch kein Turnier. Es ist dann wirklich gut gelaufen – Motivation für das Turnier hier.

Spielst du jetzt ein Jahr lang ausschließlich Schach?

Nein, ich arbeite zwei Tage pro Woche in einer Kanzlei als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Mir bleibt auf diese Weise genug Zeit fürs Schach, und noch dazu kann ich dank meines regelmäßigen Einkommens ohne Druck spielen.

Was macht der wissenschaftliche Mitarbeiter Luis Engel?

Ich unterstütze Anwälte bei der Recherche, arbeite mich in Fälle ein, schreibe Textteile für Schriftsätze und begleite Mandate. Das ist ziemlich vielseitig. Mir gefällt es sehr.

Und langfristig? Rechtsanwalt Luis Engel?

Gut möglich. Nach diesem Schachjahr steht erst einmal das zweijährige Referendariat an. Dann kann ich als Anwalt oder Richter arbeiten. Wahrscheinlich starte ich erst einmal als Anwalt, so wie die meisten. Aber ich halte mir alles offen.

Trotz deines riesigen Schachtalents hast du dich früh entschieden, Jura zu studieren. Gute Entscheidung?

Ich bin sehr zufrieden damit. Ganz auf Schach zu setzen, wäre nichts für mich. Das Jurastudium erfüllt mich, und Schach bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens – aber eher als leidenschaftliches Hobby. Ich spiele weiterhin Bundesliga und ein paar Turniere im Jahr. Diese Kombination macht mich glücklich.

Und im Schach willst du sehen, wie weit du noch kommst. Gibt es konkrete Ziele?

Im Grunde habe ich alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Ein Traum wäre, einmal bei der Schacholympiade für Deutschland zu spielen. Aber die Konkurrenz in der Nationalmannschaft ist so stark wie nie, und fast alle vor mir sind Profis. Realistisch wäre für mich, die 2600 Elo-Marke zu knacken – da fehlt nicht mehr viel. Ich bin gerade bei 2567, das ist mein Allzeithoch.

Mit dem Amsterdam-Sieg im Rücken gehörst du hier am Tegernsee zu den Favoriten. Was nimmst du dir vor?

Ich bin an vier gesetzt – klar, da will man vorne landen. Aber bei so einem starken Feld kann viel passieren. Vor allem will ich gute Partien spielen und Spaß haben.

Die schöne Kombi in der ersten Runde hat dir wahrscheinlich Spaß gemacht.
Stimmt. So kann es gerne weitergehen.

Luis Engels taktisches Finale in der ersten Runde: 23.Sxh7! war nur der Auftakt. Engel hatte berechnet, dass nach 23…Kxh7 24.Lxg6+! Kh8 (sonst wird es matt) 25.Lxe8 Lxe8 26.Lxc3 Dxc3 die Pointe 27.h7 eine Figur gewinnt. Der angegriffene Springer auf g8 hat keine Felder mehr, nur deswegen funktioniert die Kombi.