Die Abtauschvariante der Französischen Verteidigung zu spielen, sei eine Schande, sagte einst Michail Tal. Die größten Französisch-Fachleute vergangener Dekaden, Viktor Kortschnoi und Wolfgang Uhlmann, nahmen die Abtauschvariante nicht ernst. Kortschnoi pflegte gar, böse Blicke übers Brett zu senden, sobald Weiß 3.exd5 spielte. Und es sieht ja auch aus, als verzichte Weiß per Abtauschvariante freiwillig auf zwei Vorteile, die Schwarz einräumt: Den potenziellen Raumvorteil und das Spiel gegen den „schlechten“ französischen Läufer.

Andererseits hat Weiß im vierten Zug ein Tempo zur Verfügung, mit dem er das Geschehen in die gewünschte Richtung steuern kann. Und diese Richtung lautet in aller Regel c2-c4 inklusive der Absicht, eine Isolanistellung zu spielen. In einer Zeit, in der sich ohnehin kaum irgendwo Vorteil für Weiß finden lässt, erlebt Französisch-Abtausch mit c4 seit Jahren eine kleine Renaissance.

Patrick Bossinger. | Foto: Sandra Schmidt

Patrick Bossinger vom SV Jedesheim gehört zu denjenigen, die Französisch-Abtausch spielen – und das mit Erfolg. Dass die Damenabgetauscht waren, hielt ihn in der sechste Runde nicht davon ab, eine Qualität für starkes Figurenspiel in Geschäft zu stecken. Wenig später folgte das zweite Qualitätsopfer, da ging es schon um Matt. Am Ende noch ein Turmopfer, das die Partie krönte.

Wenn die Jedesheimer Boys mit von der Partie sind, ist das im Turniersaal kaum zu übersehen. | Foto: Sandra Schmidt

Bossinger gewinnt den Schönheitspreis für diese Partie der sechsten Runde. Er hat sie für das Turnierblog kommentiert:

Wer nach dem Ende der siebten Runde noch nicht seine Siegerwette abgegeben hat, der ist zu spät dran, um den Preis für den richtigen Tipp zu gewinnen. Wer sie abgegeben hat, braucht Glück oder hellseherische Fähigkeiten. Zwei Runden vor Schluss zeichnet sich nicht ab, wer am Ende oben stehen wird.

Die Abgabefrist für die Siegerwette ist mit Ende der siebten Runde abgelaufen. | Foto: Sandra Schmidt

Die alleinige Führung von Dmitrij Kollars währte nur einen Tag. Dem Nationalspieler war sein Kurzremis in der siebten Runde gegen den an zwei gesetzten Eltaj Safarli ein wenig unangenehm. Aber es war eine nachvollziehbare, naheliegende Entscheidung: Schwarz gegen einen starken Großmeister, der per schottischem Vierspringerspiel sogleich andeutete, dass sich seine Ambition an diesem Tag in Grenzen hält. Warum nicht einen quasi freien Tag nehmen, um sich dann mit voller Kraft und zudem mit den weißen Steinen in den Endspurt zu stürzen?

Hallo, Dmitrij: So fing die Partie am ersten Brett an. Fünf Minuten später war sie vorbei. | Foto: Sandra Schmidt

Die Punkteteilung am ersten Brett eröffnete den Verfolgern die Chance, zu Kollars aufzuschließen. Vier haben sie genutzt. Vor der achten Runde führen fünf Großmeister mit jeweils sechs Punkten das Feld an. Dahinter lauert eine Gruppe von 18 Verfolgern mit jeweils 5,5 Punkten.

Als Erster zu Kollars aufgeschlossen hatte der georgische Schnellspieler Giga Quparadze, der am Ende eines taktischen Handgemenges vor einem günstigen Schwerfigurenendspiel mit Mehrbauer und besserer Struktur saß, das er leicht verwertete. Bei den anderen drei dauerte es deutlich länger, und es war neben Kampfgeist Glück erforderlich.

Mit 6/7 Teil des Führungsquintetts: Venkataram Karthik. | Foto: Sandra Schmidt

Venkataraman Karthik hatte sich gegen Leonardo Costa zwar einen Mehrbauern erkämpft, aber sah lange nicht danach aus, als würde sich dieser Mehrbesitz verwerten lassen. Auf der Suche nach Aktivität griff Costa im 53. Zug fehl, lief in einen Konter, und nach 55 Zügen war es schon vorbei. Während Karthik nun ganz oben um den großen Preis mitspielt, bedeutet die Niederlage einen herben Dämpfer für die GM-Norm-Ambition des 16-jährigen Münchners.

Der letzte Trick gewann: Titas Stremavicius. | Foto: Sandra Schmidt

Titas Stremavicius hatte sich mit den schwarzen Steinen schon nach 22 Zügen gegen Jacek Stopa ein Endspiel mit Mehrqualität erkämpft, aber auf Kosten einer ruinierten Struktur. Fünf Stunden lang waren die Remischancen des polnischen Großmeisters intakt. Dann entging ihm im 66. Zug der letzte Trick des Litauers, und nach 68 Zügen war die Messe gelesen. Das Los bescherte Stremavicius in der Vorschlussrunde eine weitere Schwarzpartie: gegen Dmitrij Kollars am ersten Brett, eine Art Revanche für Schacholympia, wo Kollars Team in der dritten Runde den Litauern überraschend unterlag.

Es sah überhaupt nicht danach aus, aber auch Elham Amar schaffte es, mit Dmitrij Kollars gleichzuziehen. | Foto: Sandra Schmidt

Dass Elham Amar sich unter den Spitzenreitern mit sechs Punkten einreihen würde, daran hat er ausgangs der Eröffnung wahrscheinlich selbst nicht geglaubt. Gegen den Schweizer FM Igor Schlegel stand der Norweger mit einem offenen König unter Beschuss denkbar schlecht, aber schaffte es erst einmal, alle unmittelbaren Drohungen abzuwehren. Der vermeintliche Gewinnzug des Schweizers, 34.Tdd3, hatte einen Haken, eine nicht offensichtliche Verteidigung, die das Geschehen in ein etwa ausgeglichenes Endspiel münden ließ. Dann passierte, was beim Schach oft passiert: Wahrscheinlich frustriert vom entglittenen Gewinn, entglitt dem Schweizer auch noch der halbe Punkt.

34.Tdd3 hätte die Partie gewonnen – gäbe es nicht die trickreiche Verteidigung 34…Df1+! 35.Kxa2 Df7! und Weiß kann Damentausch nicht ausweichen. Nach zB 36.Te3+ zieht der König mit Schachgebot aus dem Schach.

In der Gruppe der 18 Verfolger finden sich reihenweise Anwärter auf Alters- und Ratingpreise sowie den Frauenpreis. Schachtennis-Vizeweltmeister FM Alexander Gschiel aus Österreich etwa (der im Tennis etwa so gut ist wie im Schach) führt mit 5,5 Zählern die U18-Konkurrenz an.

Kampfgeist: Nach vier Niederlagen in Folge sicherte sich Atticus Nguyen Trung, Jahrgang 2015, an Brett 267 einen hübschen Sieg. Hier (Diagramm links) erspähte er den zugleich besten und sehr hübschen Zug Ta6!, für Schwarz der Anfang vom Ende. Ob er die wahrscheinlich kürzeste Bundesliga-Gewinnpartie jemals mit dem gleichen Motiv kannte?

In der U16 hat sich der auf GM-Norm-Kurs segelnde Marius Deuer nach seinem Siebtrundenremis gegen Kacper Piorun zwar um einen halben Punkt von seinem Dauerkonkurrenten Leonardo Costa abgesetzt, liegt aber gleichauf mit FM Zi Han Goh aus Singapur. Der 15-Jährige aus dem WM-Ausrichterland gilt als eines der größten Talente Singapurs. Trotz intensiver schulischer Verpflichtungen und einiger außerschulischer Aktivitäten will er Singapurs nächster Großmeister werden.

Auslosung der achten Runde: (v.l.) Gerhard Bertagnolli, Sandra Schmidt, Sebastian Siebrecht, Ralph Alt. | Foto: Steffen Piechot

In seiner Heimat sorgte Zi Han Goh im Lauf des Jahres 2022 für Aufsehen, als er nach dem russischen Überfall auf die Ukraine durch Schachunterricht und Simultanvorstellungen Geld für ukrainische Flüchtlinge sammelte. Die Idee war ihm gekommen, weil er bis dahin wöchentlich mit dem ukrainischen Großmeister Yuri Vovk trainiert hatte. 13.000 Dollar kamen zusammen. „Beim Schach geht es für nicht nur ums Gewinnen und darum, mein Rating zu verbessen. Ich benutze es auch, um der Gesellschaft zurückzugeben“, erklärte Goh in einem TV-Interview.

Für Zi Han Goh lief es gegen Tobias Ammon gar nicht gut, aber dann ließ sich Schwarz auf eine taktische Sequenz ein, in der er wahrscheinlich die weiße Pointe 25.Df3! mit Figurengewinn übersehen hatte.

In der U2400-Klasse stand FM Ulrich Weber vom SV Hofheim während der siebten Runde kurz davor, sich ein wenig von den Mitbewerbern abzusetzen. Der Zweitligaspieler zwang der kasachischen Nummer eins Rinat Jumabayev eine lange Verteidigungsschlacht auf, die der Großmeister letztlich erfolgreich absolvierte.

Nicht glücklich mit seiner Stellung: Rinat Jumabayev musste seine ganze Klasse abrufen, um gegen Ulrich Weber den halben Punkt zu retten. | Foto: Sandra Schmidt

Im Kampf um den Frauenpreis hat Yelyzaveta Hrebenshchykova mit 5,5 Zählern die alleinige Führung übernommen. Die Ukrainerin gewann glatt gegen CM Jonas Rempe, der kein Mittel gegen den Sizilianer seiner Gegenspielerin fand.

Yelyzaveta Hrebenshchykova führt nach sieben Runden die umkämpfte Frauenkonkurrenz an. | Foto: Sandra Schmidt

In der 6. Runde der Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaft am Tegernsee hat Yvonne Malinowsky zu Halloween die passende Eröffnung gewählt: das Halloween-Gambit. Diese gewagte Eröffnung beginnt mit einem frühen Springeropfer, das den Gegner überraschen und aus der Eröffnungstheorie herauslocken soll, kostet aber eine Figur. „Hätte ich mal solide gespielt“, stellte Malinowsky hinterher fest, war aber doch damit zufrieden, im dem Anlass entsprechenden Duell „Süßes oder Saures“ das Saure zu ziehen. Ihr jugendlicher Gegner Jakob Muhl habe es verdient und sei außerdem ein liebenswerter Zeitgenosse.

Yvonne Malinowski bekommt den Kreativitätspreis für ihre Idee, an Halloween das Halloween-Gambit zu spielen. | Foto: Sandra Schmidt

Das Halloween-Gambit hieß übrigens nicht immer so. Schon im 19. Jahrhundert lief es unter „Müller-Schulze-Gambit“, was sich nicht auf Schachmeister dieses Namens bezog, sondern andeuten sollte, dass es sich um eine Hinz-und-Kunz-Eröffnung handelt. Der Name „Halloween-Gambit“ kam erst Ende der 90er-Jahre auf, als der deutsche Informatiker Steffen A. Jakob sein Programm „Brause“ im Internet Chess Club diese Eröffnung rauf- und runterspielen ließ.

Yvonne Malinowsky kommentiert:

Die OIBM bringen nicht nur erfahrene Meister an die Bretter. Auch in diesem Jahr scheint die Stärke des Nachwuchses durch, wie gestern im Bericht zur sechsten Runde ausführlich erwähnt. In seinem neuesten Video geht nun Gunny auf die Erfolge einiger Talente ein. Ihn hat der 15-jährige FM Timur Toktomushev aus der Schweiz mit seinem Sieg gegen IM Axel Heinz besonders beeindruckt. Gunny analysiert die Partie – und berichtet vom Blitzturnier, bei dem er Fünfter geworden ist.

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In St. Louis, New York oder Charlotte hat Titas Stremavicius schon Schachturniere gewonnen. In Deutschland nie – was mit dem Umstand zusammenhängt, dass er vor der 27. OIBM erst einmal in Deutschland gespielt hat. Am Tegernsee ging es für den Großmeister aus Litauen prima los: Vier Partien, vier Punkte. Nach der vierten Runde nahm sich Stremavicius die Zeit für ein Interview.

Titas Stremavicius. | Foto: Sandra Schmidt

Titas, zum ersten Mal am Tegernsee?

Ja, es ist tatsächlich mein erstes Mal hier, und es ist erst das zweite Mal insgesamt, dass ich in Deutschland spiele. Von Litauen aus ist es zwar nicht so weit, aber irgendwie hat es sich bisher nicht ergeben.

Wie kam es jetzt zu deiner Teilnahme?

Ein Schachfreund von mir, auch aus Litauen, erwähnte das Turnier. Ich schaute es mir an, fand die Kontaktdaten und schrieb eine E-Mail. Sebastian antwortete binnen einer halben Stunde. So kam der Kontakt zustande. Jetzt bin ich hier.

Wie gefällt es dir?

Der erste Eindruck war nicht so toll, weil der Bus am ersten Tag völlig überfüllt war. Aber als ich dann anfing, zum Spielort zu laufen, wurde es viel ruhiger und angenehmer. Auch wenn der Weg etwa 50 Minuten dauert, ist es sehr schön. Der Weg führt am See entlang, die Natur ist wunderbar.

Und schachlich?

Ich versuche einfach, interessante Partien zu spielen. Das Turnier ist ein bisschen langsamer, eine Partie pro Tag, meine Energie sollte ausreichen. Aber im Schach weiß man nie. Ein schlechter Zug kann alles ruinieren.

Bisher kannst du zufrieden sein.

Es läuft gut, auch wenn es schon einige brenzlige Momente gab. In der ersten Runde war ich einer der Letzten, die noch gespielt haben, und heute war ich auch mal in einer schlechteren Position. Aber die Ergebnisse stimmen.

Als Schachfan und Fan der deutschen Nationalmannschaft muss ich dich auf die Schacholympiade ansprechen. Dritte Runde, Litauen gegen Deutschland, Ihr habt überraschend gewonnen, und du hast Vincent Keymer besiegt. Wie lief das Match aus eurer Perspektive?

Wir waren Außenseiter, ganz klar. Die deutsche Mannschaft war an allen vier Brettern deutlich stärker, vielleicht im Schnitt um 150 Punkte. Es war ein großer Überraschungssieg für uns. Viele Dinge mussten gut laufen, um das Match zu gewinnen. Die große Wende ganz am Ende an Brett drei hat das Match gedreht. Mein Sieg gegen Vincent kam schnell zustande. Ich hatte mir sagen lassen, er sei krank und nicht in Topform. In der Partie spielte ich eine Eröffnung, in der er hätte remis machen können, aber ich bin davon ausgegangen, dass er das vermeiden würde. Bis ganz zum Schluss ist er dem Remis ausgewichen, dann der Fehler, …c5-c4, und plötzlich war die Partie für mich gewonnen.

Ist Vincent der höchstbewertete Spieler, den du je besiegt hast?

Ja, mit einigem Abstand. Das war ein Karrierehighlight für mich. Hinterher bekam ich ein paar Gratulationen, aber auf den Ausgang dieses Mannschaftsturniers hatte unser Sieg wenig Einfluss. Deutschland kam unter die ersten 10, wir standen am Ende auf Platz 41.

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Bist du Schachprofi?

Im Moment spiele ich mehr oder weniger Vollzeit, aber ich plane eine Veränderung. Ich habe vor zwei Monaten meine Greencard für die USA bekommen und will bald zurückkehren. Vor etwa vier Jahren habe ich in Dallas meinen Abschluss in Finanzen und Wirtschaft gemacht und spiele seither Schach und Poker. Jetzt möchte ich zurück in die USA und wahrscheinlich langfristig mehr in Richtung Poker gehen.

Ist Poker unter Schachspielern noch so verbreitet wie vor einigen Jahren?

Nicht mehr ganz so sehr, aber es gibt nach meiner Wahrnehmung weiter eine große Zahl von Schachspielern im Poker. Genaue Zahlen dazu gibt es nicht, Poker ist in weiten Teilen online und anonym, insofern weißt du von vielen Schachspielern nur, dass sie Poker spielen, wenn sie davon erzählen. Ich mag das Spiel jedenfalls, es ähnelt in mancherlei Hinsicht dem Schach.

Was sind deine Pläne nach dem Tegernsee?

Direkt zurück in die USA. Dort spiele ich erst in einem Rundenturnier und danach bei den US Masters, dem wohl stärksten Open in den Staaten. Dieses Jahr wird auch Fabiano Caruana dabei sein, was das Turnier noch interessanter macht. Fabiano spekuliert auf Punkte für den FIDE Circuit, über den er sich fürs Kandidatenturnier qualifizieren kann.

Stremavicius‘ Drittrundensieg, kommentiert von ihm selbst:

„Rook lift“ oder „Rook up and over“, sagen die Amerikaner, Turm hoch und aus. Im deutschen Schach drücken wir uns abstrakter aus, da heißt es „Turmschwenk“. Das ist vielleicht nicht ganz so einprägsam wie der „Rover“, kommt aber dem Wesen des Manövers näher. Der Turm zieht ja nicht einfach hoch, und dann ist es aus, sondern die Essens des Schwenks besteht in eben diesem: Der Turm zieht hoch auf eine offene Reihe, dort schwenkt er zu einem neuen Betätigungsfeld – und dann erst ist es aus (oft).

Fabian Jahnz und Laurin Jahnz sind amtierende deutsche Familienmeister. | Foto: Paul Meyer-Dunker

Dieses Motiv des schwenkenden Turms ist als Muster natürlich im Gehirn von Fabian Jahnz gespeichert. Umso stärker, dass Jahnz es in der Partie gegen Wilfried Basener geschafft hat, auch neuronal umzuschwenken. Ein Turmschwenk war zwar angezeigt, aber eben nicht so, wie wir ihn kennen und wie auch Jahnz versucht war, ihn zu spielen. Ein Dankeschön ergeht an Jahnz‘ Junior Laurin, der ebenfalls mitspielt und seinen Vater animierte, die Partie einzusenden, auf dass er uns die Sache mit diesem ungewöhnlichen Turmschwenk noch einmal genau erklärt:

Im Lauf des Turniers haben wir manches Figurenopfer gesehen (auch einige unfreiwillige), aber keines wie das von Paulus Wohlfart in der fünften Runde. Der 62-Jährige von Freibauer Mörlenbach-Birkenau gab auf der einen Seite des Brettes eine Figur, um auf der anderen einen Freibauern in Stellung zu bringen, auf dass er durchläuft. Das Tolle an diesem Konzept: Es funktionierte!

Paulus Wohlfart. | Foto: Sandra Schmidt

Auch wenn die Chose vor dem unbestechlichen Schachfreund Computer nicht ganz bestehen mag: Die in dieser Partie demonstrierte Kreativität veranlasste Turnierdirektor Sebastian Siebrecht, Wohlfart vor der siebten Runde mit dem Schönheitspreis des Tages auszuzeichnen.

Nach sechs Runden haben die 27. Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften zum ersten Mal einen alleinigen Tabellenführer. Dmitrij Kollars gewann seine Sechstrundenpartie gegen den polnischen Großmeister Bartlomiej Heberla. Mit 5,5 Punkten (Performance 2763!) steht der Nationalspieler auf dem ersten Platz, gefolgt von 16 Spielern mit einem halben Punkt weniger.

Spitzenreiter: Dmitrij Kollars. | Foto: Sandra Schmidt

Die beiden Großmeister am ersten Brett lieferten sich im Giuoco Pianissimo eine strategisch geprägte Auseinandersetzung, in der anfangs der Pole gut in die Partie kam, sogar kurz davorstand, das Kommando zu übernehmen. Aber dann war es doch Kollars, dem es dank eines Bauernopfers gelang, ein wenig Druck aufzubauen – was allein nicht entscheidend gewesen wäre.

Im Zug zuvor war Heberla mit 37…Kh7 ein Fehler unterlaufen (37…Sf6 war Pflicht). Jetzt kommt 38.Se6 mit Angriff auf den Tc7 und der Gabeldrohung Sf8+. Wehrt Schwarz beides mit 38…Tc8 ab, folgt 39.Sxg7! (39…Dxg7? Df5+ mit Qualitätsgewinn).

Neben der Stellung war die Zeit ein Faktor. Kurz vor der Zeitkontrolle mit drei Minuten auf der Uhr gelang es Heberla nicht, den einzigen Zug zu finden, der alle Drohungen pariert und das Geschehen in der Waage hält. Stattdessen gab er sich eine taktische Blöße, die Kollars sogleich ausnutzte. Er bekam den geopferten Bauern zurück, einen zweiten noch dazu, und plötzlich stand ein für Schwarz unhaltbares Endspiel auf dem Brett.

„Safety first“ galt in drei der vier anderen Spitzenpartien, in denen die Spieler mit 4,5 Punkten aufeinandertrafen. Trotz beiderseitiger solider Spielanlage kämpften mit den weißen Steinen Titas Stremavacius (gegen Kacper Piorun) und Rinat Jumabayev (gegen Jacek Stopa), bis das Brett leergefegt und die Punkteteilung unvermeidlich war. Nur Elham Amar und Eltaj Safarli reichten einander schon nach 20 Zügen die Hände.

Eltaj Safarli war mit einem schnellen Schwarzremis zufrieden. In der siebten Runde hat er Weiß gegen Dmitrij Kollars. | Foto: Sandra Schmidt

Wahrscheinlich wäre auch Marius Deuer am fünften Brett etwas mehr Sicherheit recht gewesen. Stattdessen musste der 16-Jährige mit den weißen Steinen gegen Roven Vogel sehr bald aufpassen, dass ihm sein Katalane nicht um die Ohren fliegt. Umso bemerkenswerter, wie souverän Deuer trotz eines zwischenzeitlichen Minusbauern diese für ihn kritische Partie abmoderierte. Nach 26 Zügen im Angesicht einer kommenden Remisabwicklung offerierte Vogel die Punkteteilung. Auch Vogel und Deuer sind nun Teil der 16-köpfigen Verfolgergruppe, die Kollars mit einem halben Punkt Abstand im Nacken sitzt.

26…Td2 mit Remisangebot. Roven Vogel hatte vorhergesehen, wie Marius Deuer die Partie abmoderieren würde: 27.Lc4 Txb2 28.Lxb3 Txb3 29.Txa2 mit einem für beide Seiten ungewinnbaren Turmendspiel.

Vor dem letzten Turnierdrittel wird es langsam Zeit, über Normen nachzudenken. In Sachen GM-Norm hat Leonardo Costa sich mit einem Sechstrundensieg ebenfalls in die Verfolgergruppe mit 5 Punkten gespielt. Costa und Deuer sind auf Kurs – und nicht nur diese beiden. Turnierdirektor Sebastian Siebrecht sieht zufrieden, dass eine ganze Reihe junger Leute nicht nur aus deutschen Nachbarlanden sich Normperspektiven erarbeitet hat.

Fairnesspreis für Julian Wagner: In der fünften Runde Bodens Matt zu übersehen, kostete Julian Wagner die Partie und um die 30 Elopunkte. Seine Reaktion? Den Sieg des Gegners für den Schönheitspreis vorschlagen. Den gab es zwar nicht, stattdessen honorierte Sebastian Siebrecht die Geste von Wagner. | Foto: Sandra Schmidt

Der 15-jährige Schweizer FM Teimur Toktomushev etwa hat die Zweitrundenniederlage gegen seine Landsfrau Sarah Hund weggesteckt, steht ebenfalls bei 5/6 und darf noch von einer IM-Norm träumen. Allerdings werden mit jedem vollem Punkt die Gegner schwieriger. Nach seinem Sechstrundensieg über IM Axel Heinz vom SV Oberursel wartet nun GM Bartlomiej Heberla, der nach der Null gegen Kollars seinerseits gewinnen muss, um oben dranzubleiben.

Der 15-jährige Österreicher Robert Ernst gehört mit 4,5 Punkten zu denjenigen, die zumindest theoretisch sogar noch eine Normchance haben. Angesichts seiner 2361-Performance bislang darf er dafür in den letzten Runden aber nicht mehr allzu viel anbrennen lassen.

Armenien, Österreich, England, Ukraine, Singapur: Die Internationalität der Offenen Bayerischen Meisterschaften lässt sich an den Nationalitäten der Jugendlichen in der Gruppe der 32 mit 4,5 Punkten ablesen. Sogar in der Gruppe der 58 mit 4 Punkten findet sich die bzw. der eine oder andere mit Perspektive vielleicht sogar auf eine Norm, gewiss auf einen Sonderpreis für die Alters- bzw. Ratinggruppe.

Nicht nur an den Brettern wird um Normen gekämpft: Unter der Obhut von unter anderem Gerhard Bertagnolli (r.) arbeitet Schiedsrichter Steffen Pichot (links) bei den OIBM an seiner letzten Norm für den „International Arbiter“. | Foto: Sandra Schmidt

Zwei Spieler kämpfen derweil um einen internen Familienpreis, ein Kampf, in dem die sechste Runde eine Wende brachte. Mariusz Sajka (Elo 2243) vom SC Garching, in Jugendjahren selbst einer der Besten im Lande, war im vergangenen Jahr nur als Zuschauer bei der OIBM, um zu verfolgen, wie sich sein Sohn Noah Sajka (Eo 1795) schlägt. Diesmal wollte der Papa selbst spielen – und stellte fünf Runden lang fest, dass er mit seinem Junior kaum noch mithalten kann. In der sechsten Runde hat Mariusz Sajka erstmals die Führung im Familienduell übernommen. Mit 4,5 Punkten und einer 2197-Performance liegt er vor Noah Sajka (4/2171).

Momente der sechsten Runde:

20…Lg4, Auftakt zu einer wilden Sequenz. Es droht …Df3 nebst …Txe3, und dagegen hat Weiß nur einen guten Zug: 21.0-0-0. Jetzt mit 21…Lxe2? den Springer zu nehmen, würde wegen 22.Lh6! verlieren. Der einzige Zug für Schwarz, um die Lh6-Drohung aus der Stellung zu nehmen, ist 21…Rxe3! Beide Kontrahenten fanden die richtigen Züge und setzten in diesem Stil fort, bis am Ende doch Weiß triumphierte. Nutakki Priyanka muss deswegen vorerst die Führung in der Frauenwertung nach einer Runde wieder abgeben.

 

Kleine Taktikaufgabe gefällig? Auch wenn Anand einst genauso verloren hat, besonders schwierig ist es nicht: Warum war Kg2 ein grober Fehler?

Schon schwieriger: Was ist das Problem mit …Sxd5?

Alle Paarungen der 7. Runde

Welches die bemerkenswerteste Partie war, die IM Gerlef Meins in jüngerer Vergangenheit gespielt hat, ist leicht auszumachen. Es war sein Sieg über Vincent Keymer, gespielt, als Ende Mai 2022 im deutschen Mannschaftspokal Meins‘ Club Werder Bremen auf die SF Deizisau trafen. In Ermangelung einer Liveübertragung hat sich der Schreiber dieser Zeilen seinerzeit die Notation besorgt, um die Begegnung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, lange bevor sie in den Datenbanken auftaucht:

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Wer den Keymerskalp am Gürtel hat, den müssen gelegentliche Niederlagen gegen andere nicht mehr grämen. Deswegen soll es nach dieser Vorrede jetzt um den Gewinner dieser Fünftrundenpartie gehen.

Dietmar Fauth gewinnt den Schönheitspreis für seinen Sieg über Gerlef Meins. | Foto: Sandra Schmidt

Dietmar Fauth vom SK Göggingen war gegen Meins theoretisch und taktisch auf der Höhe. Nominell ist der 73-Jährige gegenüber seinen früheren Ratings ein wenig abgefallen, aber das hindert ihn nicht daran, gelegentlich Meisterklasse abzurufen. So wie in dieser Partie, die die Turnierleitung mit dem Schönheitspreis der fünften Runde prämiert hat:

 

Im 19. Zug seiner Schwarzpartie der fünften Runde war Robert Heigermoser dann doch aus dem Buch. Der 35-Jährige aus der zehnköpfigen OIBM-Delegation des SC Garching hatte gegen den georgischen IM Bachana Morchiashvili spekuliert, was aufs Brett kommen würde – und Recht behalten. Es folgte eine sehenswerte Dekonstruktion des Makagonov-Königsinders, an dieser Stelle ausführlich kommentiert vom Partiegewinner.

Robert Heigermoser. | Foto: Sandra Schmidt