Der letzte Tag und der Moment dazwischen

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Von Yvonne Malinowsky

Und da war er also: der letzte Tag.

Man könnte sagen, er kommt jedes Mal völlig überraschend, genau wie Weihnachten oder der Montag nach einem langen Wochenende. Nach dem „berühmten“ ersten Tag der OIBM folgt nämlich traditionsgemäß der ebenso legendäre letzte.

Dieser Tag ist eine wilde Mischung aus Abreise, Frühstück, Endspielvorbereitung und Koffertetris. Zwischen Zahnbürste, Brett und Laptop stellt sich die ewige Frage: „Wohin mit dem Gepäck?“ und gleich dahinter die nächste: „Wie steht’s um meine Elo?“

Das Wetter richtet sich traditionsgemäß nach der Laune des Spielers. Sonne, wenn’s gut lief, man hat etwas gerissen und genießt den Tag. Oder Nebel, wenn das Turniergefühl irgendwo zwischen Katerstimmung und Schachmüdigkeit hängt.

Das Wetter und die Laune des Spielers – ein Zusammenhang? | Foto: Yvonne Malinowsky

Dann die letzte Partie. Das große Finale, das angeblich alles entscheidet, und am Ende doch nur eine Zahl verändert.

Man sieht sie alle:

Die einen wollen einfach ein friedliches Remis und einen Kaffee danach.

Die anderen treten an mit dem Motto: „Ich zieh doch nicht in den Krieg, um dann den Frieden zu unterschreiben!“

Die Realisten in der Mitte, die einfach nur noch „irgendwie solide stehen“ wollen.

Während hinten noch tapfer um Selbstachtung gekämpft wird, als hinge die eigene Identität davon ab. Spoiler: tut sie nicht !

Manche überlegen sogar, ob man die Partie einfach auslassen könnte, ähnlich wie Leute, die im Musical vor dem letzten Lied zur U-Bahn rennen, um den Ansturm zu vermeiden.

Aber nein, so funktioniert das nicht.

Die letzte Partie spielt man. Immer.

Dann beginnt das große Rechnen: Elo plus? Elo minus?

Eine Woche voller Vorbereitung, Analyse, ca. 50 Stunden reiner Spielzeit und am Ende entscheidet eine Zahl, ob man sich als Held oder Handtuchhalter fühlt? Währenddessen liegen die Urlaubsfotos auf dem Handy schon in digitalem Staub, ungesichtet, ungeteilt, ungepostet.

Auf Wiedersehen im nächsten Jahr? | Foto: Yvonne Malinowsky

Ungeduld macht sich breit, aber:

Schacherfolg ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon mit gelegentlichem Stolpern über den eigenen Bauern. Diese Zahl, an der alles hängt, sagt ohnehin wenig darüber aus, wie gut man tatsächlich gespielt hat. Ist ein glücklicher zufälliger Sieg gegen einen Großmeister mehr wert als ein zähes Remis gegen einen Underdog, der einfach stark gespielt hat?

Am Ende ist die letzte Partie maßlos überschätzt, als könnte sie das ganze Turnier umschreiben. In Wahrheit ist sie nur das letzte Kapitel einer längeren Geschichte. Und sowieso: Ist sie wirklich „die letzte“? Oder einfach nur die vor dem nächsten Ligaspiel, dem nächsten Turnier, dem nächsten Versuch?

Und wenn alles vorbei ist, Figuren eingepackt, Taschen geschlossen, Zahlen aktualisiert, bleibt noch eins:

Die Schneekugel namens „Urlaub.zip“. Erinnert ihr euch? Einmal schütteln, bitte.

Und schon wirbelt der Schnee über Berge, Brezeln, Seilbahnen, Biergärten, Almen und Schiffe, bis die letzte Niederlage unter einer gemütlichen Schneeschicht verschwindet.

Fazit:

Der letzte Tag der OIBM hat etwas Eigenartiges, er bedeutet vielleicht nichts mehr, und doch noch irgendwie alles. Die Ergebnisse stehen, die Zahlen sind verteilt, aber dieser Moment dazwischen, wenn alles vorbei ist und noch niemand ganz gegangen ist, der hat seine eigene Magie. Egal, ob die Elo-Zahl glänzt oder staubt, das nächste Turnier kommt bestimmt.

Pfiat eich im Süden, Tschüss im Norden, und irgendwo dazwischen wartet schon eine frische Schneekugel, bereit, wieder gefüllt zu werden.