Luis Engel siegt am Spitzenbrett, alleine vorne (OIBM, 7. Runde)
Als nach nicht viel mehr als einer Stunde am zweiten Brett Brewington Hardaway und der Co-Führende Kirk Ghazrian einen US-amerikanischen Nichtangriffspakt besiegelten, war der Weg an die Tabellenspitze frei. Luis Engel oder Abdimalik Abdisalimov? Fest stand: Wer das Duell dieser beiden Großmeister am ersten Brett gewinnt, führt zwei Runden vor Schluss alleine die Tabelle an.

Noch hat der alleinige Spitzenreiter Luis Engel Anlass, sich umzugucken. Drei Verfolger sind ihm mit einem halben Punkt Abstand auf den Fersen. | Foto: Sandra Schmidt
Schon als die US-Boys Frieden schlossen, zeichnete sich ab, dass Luis Engel gute Chancen haben würde. In einem scharfen sizilianischen Gefecht hatte er seinen gesamten Königsflügel nach vorne geworfen und zugleich eine perfekt getimte Rochade an den Damenflügel hingelegt, wo sein König zumindest temporär in Sicherheit sein würde. Es sah früh bedrohlich aus für Abdisalimov, und diese Einschätzung sollte sich über die Dauer der Partie nicht ändern.

Es bedarf keiner 2600 Elo, um hier auf die einzige Lösung zu kommen, da sie sich angesichts der schwarzen Drohungen per Ausschlussverfahren finden lässt. Nachdem das bisherige Geschehen im Zeichen gegenseitigen Angriffs stand, ist nun der richtige Weg, umzudenken und die Damen vom Brett zu nehmen. Nach etwa 29.Ld3 Ta8! wäre Schwarz dick im Geschäft. Nicht so nach 29.Dd3!, wonach Schwarz nichts anderes bleibt, als die Damen zu tauschen. Schwarz bekommt sogar ein Endspiel mit Mehrbauer, aber unter anderem wegen der chronischen schwarzen Grundreihenschwäche ist die Stellung trotzdem für Weiß gewonnen.
Aber der Charakter der Partie. Es wurde dann doch kein Matt-Wettrennen auf zwei Flügeln, sondern ein Endspiel, in dem der Usbeke sogar einen Mehrbauern sein Eigen nennen durfte. Freude wird ihm dieser materielle Mehrbesitz nicht bereitet haben. Die Lage war unverändert trostlos, der schwarze König in höchster Mattgefahr auf der Grundreihe festgenagelt. Als im 39. Zug ein Matt in 8 auf dem Brett stand, gab sich Abdisalimov geschlagen.
Luis Engel ist damit der zweite alleine Führende des Turniers, nachdem Szymon Gumularz es in der fünften Runde gelungen war, sich mit einer 100-Prozent-Bilanz von der Meute abzusetzen. In Runde sechs besiegte Engels Gumularz, in Runde sieben nun Abdisalimov. Nur gegen WGM Zsoka Gaal in Runde drei ließ der 23-Jährige einen halben Zähler.
Gelutscht ist der Drops noch lange nicht. Drei Großmeister mit einem halben Punkt Abstand sind dem angehenden Juristen Engel auf den Fersen, und alle drei können noch auf eine erfolgreiche Berufung hoffen: Besagter Kirk Ghazarian hat seine Schwarzpartie (bzw. Nichtpartie) in der siebten Runde genutzt, um Kraft für den Endspurt zu schöpfen. Elofavorit Amin Tabatabaei hat, ebenfalls mit Schwarz, am dritten Brett eine technische Partie überzeugend gewonnen und ist mit 6/7 nun endgültig im Rennen um den Turniersieg. Dazu kommt jemand, von dem an dieser Stelle noch gar nicht die Rede war, zumindest nicht dieses Jahr.
Tegernsee-Stammgast Chanda Sandipan hatte sich in Runde drei und vier Remisen gegen nominell deutlich schwächere Gegner erlaubt und war deswegen im bisherigen Verlauf des Wettbewerbs noch nicht in der Nähe der Tabellenspitze aufgetaucht. Das hat sich nun geändert. Sollte es eines Nachweises seiner Klasse bedurft haben, sein Schwarzsieg über Luis Engel in der siebten Runde mit seinem geliebten Stonewall sollte dafür bequem ausreichen. Auch der Inder hat nach diversen Anläufen in den Vorjahren mit 6/7 nun die Chance, zum ersten Mal die OIBM zu gewinnen.

45.Lg6 war der letzte Fehler – wenn es Schwarz gelingt, die Gewinnaufstellung zu finden. Die geht so: Erst den Läufer nach b3, und wenn Weiß dann Lf7 zieht, marschieren wir mit dem König über b5 und c6 nach d5, holen d4 ab, und Weiß kann aufgeben. In der Partie ließ sich das Leonardo Costa nicht bis zum Ende zeigen.

Jiri Stocek, OIBM-Sieger 2023, wird den Titel zumindest in diesem Jahr nicht zum zweiten Mal gewinnen. Mit 5,5 Punkten liegt der tschechische Großmeister auf Rang 12. | Foto: Sandra Schmidt
Theoretisch ließen sich wahrscheinlich Szenarien konstruieren, in denen am Ende jemand ganz oben steht, die nach 7 Runden auf 5,5 Punkte kommt. …die? Ja! Liya Kurmangaliyeva hat in der siebten Runde wieder gewonnen, wieder sehenswert, diesmal mit Schwarz gegen Ashot Parvanyan. Mit 5,5/7 und einer Performance jenseits der 2600 ist für die 20-jährige Kasachin nun sogar eine Großmeisternorm greifbar. Und, ohne den Simulationsrechner konsultiert zu haben, bestimmt existiert ein Universum, in dem sie am Ende sogar auf Rang eins der Tabelle steht. Allzu weit nach oben rücken muss sie dafür nicht mehr. Aktuell steht sie auf Rang sieben als Wertungsdrittbeste des guten Dutzends Spieler mit 5,5 Punkten.

Was Liya Kurmangaliyeva am Ende gegen Ashot Parvanyan aufs Brett stellte, glich einer Demonstration. Dies ist die Schlussstellung nach 33…g5: Das tödliche Springerschach auf f4 ist nicht zu verhindern.
Theoretische Prognosen gehen in beiden Richtungen. Bestimmt existiert auch ein Universum, in dem sie am Ende mit leeren Händen dasteht. Im Rennen um den Frauenpreis sind die Verfolgerinnen nach Wertung zwar abgehängt, aber nach Punkten nicht abgeschüttelt. Jana Schneider und Lilit Mkrtjan lauern mit 5/7 auf einen Ausrutscher von Kurmangaliyeva.

Jana Schneider (r.) knöpfte in der siebten Runde Patrick Zelbel einen halben Punkt ab. | Foto: Sandra Schmidt
Nachzutragen sind noch die Ergebnisse des traditionellen Blitzturniers im Zelt zum Bergfest: 30 Teilnehmer spielten in fünf Vorgruppen und dann in fünf Finalgruppen, sodass jede und jeder zehn Partien absolvierte. Das komplette Startgeld, 300 Euro, wurde als Preisgeld ausgeschüttet. Dazu kamen von Chessware gestiftete Sachpreise.
Als unaufhaltsam entpuppte sich Großmeister Christian Bauer, der alle zehn Partien gewann. Auf den Plätzen: GM Dominik Horvath und FM Levi Malinowsky.

Das Siegertrio Christian Bauer (M.), Daniel Horvath (l.) und Levi Malinowsky. | Foto: Sebastian Siebrecht








