Luis Engel stürzt den Tabellenführer – und wird es selbst (OIBM, 6. Runde)

,

Den alleinigen Platz an der Sonne belegte Szymon Gumularz für 24 Stunden. In der sechsten Runde traf der Tabellenführer auf Luis Engel, und knapp fünf Stunden später waren die 100-Prozent-Bilanz und die alleinige Tabellenführung dahin.

Luis Engel (links) gegen Szymon Gumularz. | Foto: Sandra Schmidt

Der Großmeister aus Hamburg entschied die Partie am ersten Brett für sich und führt nun selbst als Teil eines Trios, das mit 5,5 Punkten aus 6 Partien vorne steht. Neben Engel stehen der usbekische Großmeister Abdimalik Abdisalimov sowie der US-Großmeister Kirk Ghazarian vorne. Engel und Abdisalimov, jeweils Jahrgang 2002, sind die Senioren dieser Dreiergruppe. Ghazarian, Jahrgang 2006 und seit 2024 Großmeister, dürfte fast noch in der Jugendkonkurrenz mitspielen. Nach Wertung liegt Engel vor den beiden Konkurrenten mit 5,5 Punkten.

Ein arger Missgriff des Tabellenführers. Jetzt 13…Lxf3, und bei Weiß fällt eine ganze Figur um. Gumularz gab nicht auf, kollabierte nicht, sondern versuchte konsequent, Probleme zu stellen. Er zwang Luis Engel in eine beiderseitige Zeitnot und hangelte sich bis in ein Endspiel, das nicht trivial war, aber letztlich nicht zu retten.

Luis Engel hat schon vor einigen Jahren beschlossen, dass er seine Gabe fürs Schach nicht bis zum Äußersten ausreizen möchte. Aber ein ambitionierter Amateur sein, das will er durchaus, und nach Luis-Engel-Maßstäben bedeutet das, sich dahin zu orientieren, wovon 99,9 Prozent aller Amateure nur träumen können: Elo 2600. Das hat Engel jetzt im Interview für unser Turnierblog erklärt. Und festgestellt, die 2600 seien ja nicht mehr weit weg.

Rumms! Mit 28.Lxh6! bog Abdimalik auf die Siegerstraße ein. Die Gemeinheit besteht darin, dass 28…gxh6 nicht funktioniert: 29.Txf5! nebst Dg4+ und aus.

Das gilt umso mehr nach dem Sieg über Gumularz. Bislang steht eine Performance von 2776 zu Buche, das bedeutet ein Eloplus von knapp 12 Punkten. Damit steht Engel, Stand nach der 6. Runde, bei 2579. Vielleicht liegt es am Rückenwind, der ihn an den Tegernsee getragen hat? Gerade erst hat Luis Engel das Open in Amsterdam gewonnen, und er scheint am Tegernsee weiterzumachen, wo er an der Amstel aufgehört hat.

Sieht aus wie eine normale, in der Nähe des Ausgleichs befindliche e4/e5-Stellung. Ist auch eine, aber nur, wenn Schwarz erkennt, welche gewaltige positionelle Drohung in der Luft liegt, und ihr begegnet. Es droht Sxf6+ nebst Sh2!(-g4) und f4 mit Öffnen der f-Linie, Druck gegen f7 und Spiel gegen den schwarzen König. Das ist genau das, was nach 13…Sb8? passierte, und nach 24 Zügen war es vorbei. Tegernsee-Stammgast Martin Forchert mit nun 4,5 Punkten wird das Turnier nicht gewinnen, streitet aber mit dem fast gleichauf liegenden Tegernsee-Stammgast Dieter Morawietz um den Seniorenpreis.

Bei drei noch zu spielenden Runden wird der Kreis derer, die am Ende das Turnier gewinnen können, naturgemäß überschaubar. Deutlich größer als das Trio, das nach der jetzigen Momentaufnahme führt, ist er trotzdem. Die sieben Spieler mit einem halben Punkt Rückstand gehören allemal dazu, darunter der entthronte Tabellenführer Gumularz, darunter Elofavorit Amin Tabatabaei, darunter auch ein Lokalmatador.

Elofavorit Amin Tabatabaei in Lauerstellung. | Foto: Sandra Schmidt

Leonardo Costa aus München, auch der mit den 2600 im Blick, hat sich in der sechsten Runde dank eines Schwarzsieges über den indischen IM Rathanvel in die Verfolgergruppe geschoben. Allerdings schleppt Costa ein Wertungsproblem mit sich herum. Er kann noch so oft gewinnen, seine Punkteteilung zum Auftakt führt dazu, dass sein Gegnerschnitt stets etwas geringer sein wird als der der meisten Konkurrenten.

Benjamin Glock bekommt von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht einen Preis für, nein, nicht für die Schachfliege, sondern für eine Königshatz, die er fürs Turnierblog kommentiert hat. | Foto: Sandra Schmidt

Ein Wertungsthema prägt auch die Frauenkonkurrenz. Nach Punkten haben die Inderin Swaminatnaa Soumya und Jana Schneider zu den führenden Kasachinnen Liya Kurmangalieva und Alua Nurman aufgeschlossen. Während die beiden Erstgenannten in der sechsten Runde gewannen, remisierten die beiden Letztgenannten, jeweils gegen Großmeister.

Liya Kurmangalieva hat schon zwei GM besiegt, darunter den Usbeken Ortik Nigmatov, der ihr hier (5. Runde) gegenübersitzt. | Foto: Sandra Schmidt

Zwar stehen alle vier bei 4,5 Punkten, aber nach Wertung trennen sie Welten. Tatsächlich segeln Kurmangalieva (die schon zwei GM besiegt hat) und Nurman (die noch keine Partie verloren hat) mindestens auf IM-Kurs. Sollte es Kurmangalieva mit ihrer bisherigen Performance von 2556 schaffen, noch eine Schüppe draufzulegen, sogar eine GM-Norm könnte greifbar werden.