Moin moin, Bayern
Auch im hohen Norden haben wir so unsere Opens, dort, wo der Wind waagerecht weht und man die Deiche eher am Geruch als an der Steigung erkennt. Jetzt sind wir aber hier, an einem Ort, der schon vom Namen her nach Postkarte klingt: Tegernsee. Oder wie wir Nordlichter sagen würden, Meer ohne Salz, dafür mit Bergen.
Schon bei der Ankunft war klar: Hier läuft einiges anders. Wo bei uns die größten Erhebungen Maulwurfshügel heißen, trägt hier jeder Hügel stolz den Titel Berg, und obendrauf steht dann auch noch ein Kreuz, als wolle man sicherstellen, dass es jeder bemerkt.
Natürlich wollten auch wir eines dieser sagenumwobenen Gipfelkreuze erklimmen. Der Wallberg, liebevoll „Hausberg“ genannt, schien das perfekte Ziel. Und die gute Nachricht: Man muss nicht einmal klettern können, es gibt ja eine Seilbahn. Das klang ganz nach unserem Geschmack.
Also: Rauf auf den Berg.
Vorher aber noch schnell umgezogen, schließlich kann man ja nach der Fahrt direkt zur nächsten Partie. Schickes schwarzes Shirt mit Strass, dazu die guten Schuhe (flach, aber mit Stil), Glitzerrucksack auf, Sonnenbrille drauf, los geht’s! Sonnencreme? Ach was, es ist November!
Die Bahn schwebt uns nach oben, die Sonne scheint, und alles riecht nach Urlaubskatalog. Nur diese störenden Seile auf den Fotos, wie unpraktisch. Aber das wird oben bestimmt besser.
Oben angekommen, suchen wir erwartungsvoll das berühmte Gipfelkreuz. „Ah, da vorne, nur noch ein kleines Stück“, heißt es. Also los.
Doch dieses „Stück“ entpuppt sich als Geröllfeld aus, Moment, Felsen! Wo ist denn hier die Treppe? Und warum endet die Seilbahn nicht einfach am Gipfel?
Uns kommen Wanderer entgegen, schwer bepackt, mit Stöcken, Schuhen, Westen, allem Drum und Dran. Sie sehen uns an, als wären wir gerade einer Modenschau entlaufen. Wir schauen zurück und fragen uns, was die wohl so ernst nehmen an diesem „Hügelchen“.
Inmitten der Felsen entdecke ich ein Blümchen. „Edelweiß!“, rufe ich begeistert. „Enzian“, korrigiert mich mein Vereinskollege trocken. „Woher willst du das wissen?“ – „Weil’s blau ist. Und weil er so schön im Lied vorkommt: Blau, blau, blau blüht der Enzian.“
Recht hat er, und plötzlich haben wir alle denselben Ohrwurm. Da sag nochmal einer Schlager bilden nicht.
Nach einigen wenigen Metern stellen wir fest: Der Gipfel ist eher nur theoretisch erreichbar, jedenfalls in Schläppchen. Wir lachen über uns selbst, die Wanderer schütteln die Köpfe, und irgendwo in der Ferne grinst sicher ein Bayer und denkt: Typisch Nordlichter.

Für Fälle von Nichterreichbarkeit des Gipfelkreuzes ist im Rucksack ein Ersatzberg dabei. | Foto: Yvonne Malinowsky
Wir beschließen, dass der Bilderrahmen mit der Aufschrift „Gipfelmoment“ oder so ähnlich ohnehin das bessere Ziel ist. Und für solche Notfälle haben wir dann auch noch unseren eigenen Berg im Rucksack dabei. Sicher ist sicher. Gipfel, Foto, Sonne, perfekt. Und während die sportlich Ausgerüsteten noch schwitzen, stehen wir schon wieder entspannt an der Seilbahn.
Ein wunderbarer Ausflug, der uns eines lehrt:
Wenn die Süddeutschen das nächste Mal an der Nordsee staunen, dass es dort ihre Fischerbötchen auch in Großformat gibt, werden wir sie freundlich anlächeln. Denn jetzt verstehen wir sie ein bisschen besser.
So wie wir ehrfürchtig vor ihren Bergen stehen, so stehen sie eben vor unseren Schiffen, beide mit offenem Mund, beide mit Respekt, beide ein bisschen amüsiert.
Und genau das macht’s ja so schön: Dass man voneinander lernt und lacht. In diesem Sinne ein freundliches „Moin moin“ nach Bayern !





