Aktuelle Infos und Beiträge zur OIBM

Alleiniger Tabellenführer war er schon am Tag zuvor. In der Schlussrunde hat Amin Tabatabaei seinen Vorsprung noch ausgebaut: Der Iraner gewann, die Verfolger remisierten. Mit einem Punkt Abstand vor dem Feld triumphierte der Wertungsfavorit bei den Offenen Internationalen Bayerischen Schachmeisterschaften 2025. Seine erste Teilnahme am Tegernsee, gleich der erste Titel. Zudem hat er mit der Letztrundenpartie wieder die 2700-Elo-Marke übersprungen. Mit 2700,3 Elo steht Tabatabaei auf Rang 33 der Live-Weltrangliste.

Turniersieger Amin Tabatabaei (Mitte), umrahnt von Luis Engel und Szymon Gumularz, dem Zweit- und Drittplatzierten. Es gratulierten (von links) Christian Kausch (Geschäftsführer Tegernseer Tal Tourismus), Turnierleiter Peter Rie, Turnierdirektor Sebastian Siebrecht und Christine Zierer, Dritte Bürgermeisterin der Gemeinde Gmund. | Foto: Sandra Schmidt

Die Partie am ersten Brett ist schnell erzählt. Dominik Horvath deutete früh in der Eröffnung an, dass er sich auf eine Zugwiederholung einlassen würde. Der knapp 150 Elopunkte schwerere Tabatabei wollte davon nichts wissen. Wenig später versuchte Horvath es brachial, ein Figurenopfer auf Chance – das nicht funktionierte. Nach 23 Zügen war es schon vorbei.

Das Figurenopfer auf Chance war couragiert, aber wenig erfolgversprechend. Nach 16…Db6 nebst …0-0-0 ist Schwarz schon aus dem Gröbsten raus.

Dahinter ein knapper Masseneinlauf ins Ziel: Gleich zehn Spieler teilen sich mit sieben Punkten den zweiten Rang, angeführt vom Wertungsbesten Luis Engel, dahinter Szymon Gumularz, die beiden anderen Teilnehmer neben Tabatabaei, denen es im Verlauf des Wettbewerbs für zumindest einen Tag gelungen war, allein an der Spitze zu stehen. Ausschließlich Großmeister haben die 7-Punkte-Marke erreicht.

Taktisches Schmankerl an Brett 19: 15…Lxd4! gewinnt schon fast die Partie. Nach 16.Lxd4 Tad8 17.De3 folgt …Txd4! mit der Idee, …Le5 zu spielen und undeckbar matt zu drohen. Weiß hat kein Gegenmittel.

Schwarz überschätzt, was seine Stellung aushalten kann, und entscheidet sich für eine Abwicklung, an deren Ende er den e4-Bauern „gewinnt“. Allerdings geht es jetzt, beginnend mit 12.Lb5+, für Schwarz zügig den Bach runter.

Den Frauenpreis gewann mit 6,5 Punkten Liya Kurmangalieva aus Kasachstan. Sie wiederholte, was ihr schon im vergangenen Jahr gelungen war: eine IM-Norm, ihre zweite, beide erzielt am Tegernsee. Zwischenzeitlich war sie so gut im Rennen, dass sogar eine GM-Norm möglich schien, aber dafür reichte es nicht ganz.

Wieder eine IM-Norm am Tegernsee: Liya Kurmangalieva. | Foto: Sandra Schmidt

Auf den Plätzen in der Frauenwertung: Lilit Mkrtchian (Armenien) und Soumya Swaminathan (indien) mit 6,5 bzw. 6 Punkten. Nach Wertung war zwar Alua Nurman knapp vor Swaminathan, aber da sie auch in der U18-Kategorie mitspielte und diese gewann, war ein weiterer Preis in einer anderen Kategorie nicht möglich.

IM-Norm für John Heinrich. | Foto: Sandra Schmidt

John Heinrich vom SV Lengefeld hat es geschafft, sich doppelt zu belohnen. Mit 6,5 Punkten gewann der FIDE-Meister den Preis in der U2400-Kategorie und, wahrscheinlich wichtiger, erzielte dank seiner 2455-Performance noch dazu eine IM-Norm. Eine weitere Norm gelang Guntaks Aamukhta. Mit 6 Punkten und einer 2274-Performance sicherte sich die 13-jährige Inderin eine WIM-Norm.

WIM-Norm für Guntaks Aamukhta (13). | Foto: Sandra Schmidt

FM Martin Forchert. | Foto: Sandra Schmidt

Die stets umkämpfte Seniorenkonkurrenz der Über-60-Jährigen wurde anno 2025 Beute eines Stammgastes. FM Martin Forchert sicherte sich mit 6 Punkten den ersten Platz, gefolgt von Werner Plötz und Thomas Raupp.

Sieg in der Bergwertung für Thomas Troidl. | Foto: Sandra Schmidt

Ein anderer Stammgast sicherte einen inoffiziellen Preis: Thomas Troidl, womöglich der eifrigste Kletterer im gut 540-köpfigen Feld, wurde von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht für seinen Sieg in der Berwertung ausgezeichnet.

Schönheitspreis für Paulus Wohlfart, verliehen von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht. | Foto: Sandra Schmidt

Was bleibt? Save the date! Die OIBM 2026 wird stattfinden, das Datum steht schon fest: Vom 31. Oktober bis 8. November 2026 wird der internationale Schachtross einmal mehr am Tegernsee einkehren.

 

 

Von Yvonne Malinowsky

Und da war er also: der letzte Tag.

Man könnte sagen, er kommt jedes Mal völlig überraschend, genau wie Weihnachten oder der Montag nach einem langen Wochenende. Nach dem „berühmten“ ersten Tag der OIBM folgt nämlich traditionsgemäß der ebenso legendäre letzte.

Dieser Tag ist eine wilde Mischung aus Abreise, Frühstück, Endspielvorbereitung und Koffertetris. Zwischen Zahnbürste, Brett und Laptop stellt sich die ewige Frage: „Wohin mit dem Gepäck?“ und gleich dahinter die nächste: „Wie steht’s um meine Elo?“

Das Wetter richtet sich traditionsgemäß nach der Laune des Spielers. Sonne, wenn’s gut lief, man hat etwas gerissen und genießt den Tag. Oder Nebel, wenn das Turniergefühl irgendwo zwischen Katerstimmung und Schachmüdigkeit hängt.

Das Wetter und die Laune des Spielers – ein Zusammenhang? | Foto: Yvonne Malinowsky

Dann die letzte Partie. Das große Finale, das angeblich alles entscheidet, und am Ende doch nur eine Zahl verändert.

Man sieht sie alle:

Die einen wollen einfach ein friedliches Remis und einen Kaffee danach.

Die anderen treten an mit dem Motto: „Ich zieh doch nicht in den Krieg, um dann den Frieden zu unterschreiben!“

Die Realisten in der Mitte, die einfach nur noch „irgendwie solide stehen“ wollen.

Während hinten noch tapfer um Selbstachtung gekämpft wird, als hinge die eigene Identität davon ab. Spoiler: tut sie nicht !

Manche überlegen sogar, ob man die Partie einfach auslassen könnte, ähnlich wie Leute, die im Musical vor dem letzten Lied zur U-Bahn rennen, um den Ansturm zu vermeiden.

Aber nein, so funktioniert das nicht.

Die letzte Partie spielt man. Immer.

Dann beginnt das große Rechnen: Elo plus? Elo minus?

Eine Woche voller Vorbereitung, Analyse, ca. 50 Stunden reiner Spielzeit und am Ende entscheidet eine Zahl, ob man sich als Held oder Handtuchhalter fühlt? Währenddessen liegen die Urlaubsfotos auf dem Handy schon in digitalem Staub, ungesichtet, ungeteilt, ungepostet.

Auf Wiedersehen im nächsten Jahr? | Foto: Yvonne Malinowsky

Ungeduld macht sich breit, aber:

Schacherfolg ist kein Sprint, sondern eher ein Marathon mit gelegentlichem Stolpern über den eigenen Bauern. Diese Zahl, an der alles hängt, sagt ohnehin wenig darüber aus, wie gut man tatsächlich gespielt hat. Ist ein glücklicher zufälliger Sieg gegen einen Großmeister mehr wert als ein zähes Remis gegen einen Underdog, der einfach stark gespielt hat?

Am Ende ist die letzte Partie maßlos überschätzt, als könnte sie das ganze Turnier umschreiben. In Wahrheit ist sie nur das letzte Kapitel einer längeren Geschichte. Und sowieso: Ist sie wirklich „die letzte“? Oder einfach nur die vor dem nächsten Ligaspiel, dem nächsten Turnier, dem nächsten Versuch?

Und wenn alles vorbei ist, Figuren eingepackt, Taschen geschlossen, Zahlen aktualisiert, bleibt noch eins:

Die Schneekugel namens „Urlaub.zip“. Erinnert ihr euch? Einmal schütteln, bitte.

Und schon wirbelt der Schnee über Berge, Brezeln, Seilbahnen, Biergärten, Almen und Schiffe, bis die letzte Niederlage unter einer gemütlichen Schneeschicht verschwindet.

Fazit:

Der letzte Tag der OIBM hat etwas Eigenartiges, er bedeutet vielleicht nichts mehr, und doch noch irgendwie alles. Die Ergebnisse stehen, die Zahlen sind verteilt, aber dieser Moment dazwischen, wenn alles vorbei ist und noch niemand ganz gegangen ist, der hat seine eigene Magie. Egal, ob die Elo-Zahl glänzt oder staubt, das nächste Turnier kommt bestimmt.

Pfiat eich im Süden, Tschüss im Norden, und irgendwo dazwischen wartet schon eine frische Schneekugel, bereit, wieder gefüllt zu werden.

Auch in der Schlussrunde nicht zu stoppen: Mit 8 Punkten aus 9 Partien hat Amin Tabatabei die Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften 2025 gewonnen – und ein persönliches Zwischenziel erreicht. Der iranische Großmeister steht jetzt wieder über 2700 Elo. Das freue ihn, sagt er, sieht das Überschreiten dieser symbolischen Marke aber nur als Zwischenschritt.

Amin Tabatabaei. | Foto: Sandra Schmidt

Nach dem Turniersieg fand Amin Tabatabaei Zeit für ein kurzes Gespräch:

Amin, Glückwunsch zum Sieg. Du bist wahrscheinlich happy.

Ja, sehr. Ich war mit einem halben Punkt eingestiegen, weil ich wegen eines anderen Turniers nicht rechtzeitig hier sein konnte. Danach habe auch 8 Partien 7,5 Punkte geholt – ein fantastisches Ergebnis. Ich bin auch mit der Qualität meiner Partien sehr zufrieden. Alles in allem: Es lief super.

Hättest du nicht stattdessen im World Cup spielen können?

Ich war nicht qualifiziert – weder über das Rating noch über die Asienmeisterschaft. So wie es jetzt gelaufen ist, bin ich froh darüber.

Der halbe Punkt Rückstand zum Start hier war ein Handicap mit Blick auf die Feinwertung.

Ja, aber mein Ziel war gar nicht unbedingt, das Turnier zu gewinnen. Mein Fokus lag darauf, Elo-Punkte zu holen. Und unter diesem Gesichtspunkt war das völlig in Ordnung – und hat ja auch funktioniert.

Also war ein schnelles Remis heute keine Option?

Nein, ich habe sogar eine Zugwiederholung abgelehnt. Wer Rating gewinnen will, kann sich keine Kurzremisen leisten.

Die Partie gestern gegen Luis Engel war sehr beeindruckend.

Ja, das war eine schöne Partie. Mich hat nur etwas gestört, dass es ausgerechnet bei dieser Partie einen Übertragungsfehler gab. Der entscheidende Moment – Springer schlägt auf h6 – wurde falsch dargestellt. Auf Lichess sah es so aus, als hätte ich vorher eine Möglichkeit übersehen, auf h6 zu schlagen, aber das stimmt gar nicht. Das war etwas ärgerlich, aber kein Drama. Die Partie war richtig gut.

Mit dem Sieg in der letzten Runde bist du zurück über 2700 Elo. Wie fühlt sich das an?

Ich war ja schon mal bei 2718, bin dann aber unter 2660 gefallen. Dass ich mich jetzt zurückgekämpft habe, fühlt sich gut an. Ich wusste, dass ich irgendwann wieder über 2700 komme. Aber das ist nicht mein eigentliches Ziel – ich will deutlich höher.

2750 wäre der nächste Schritt.

Das wäre cool, ja.

Wie kam es überhaupt zur Entscheidung, am Tegernsee zu spielen – trotz der Kollision mit dem vorherigen Turnier?

Ich habe das tatsächlich mitten im vorherigen Turnier entschieden. Eigentlich ist es ja nicht ideal, als Topgesetzter in einem offenen Turnier zu spielen, bei dem die meisten Gegner deutlich niedriger eingestuft sind. Vor allem mit Schwarz ist es schwer, Partien zu gewinnen. Aber ich spürte, ich bin in guter Form, hatte Selbstvertrauen und wollte möglichst bald wieder ans Brett. Also habe ich Sebastian Siebrecht kontaktiert, der mir sehr geholfen hat. Ich bin ihm dankbar, dass er mich mit einem halben Punkt in der ersten Runde ins Feld gelassen hat. Ich wusste: Wenn ich gesund ankomme und keine Partie verpasse, wird das gut.

Das war dein erstes Mal am Tegernsee – wie war dein Eindruck?

Wunderschön. Die Aussicht, die Berge, der See – alles ist unglaublich schön. Einziges kleines Problem: Uber funktioniert hier nicht. Aber sonst: perfekter Ort, für Schach, auch für Urlaub.

Wenn du die Nacht damit verbringst, dich auf Sizilianisch vorzubereiten, und dann 1.e4 c6 auf dem Brett steht, ist das erst einmal ein Rückschlag. Florian Fuchs hat ihn weggesteckt und dann gegen Tegernsee-Stammgast Dieter Morawietz bestmöglich eine Caro-Kann-Partie gespielt. Die wurde sogar so gut, dass er sie eingereicht hat:

Nächstes Jahr wird er den dann 15-jährigen Lukas-Benedikt Merenda nicht mehr besiegen, davon geht Christian Böhmer aus. Insofern hat er in der siebten Runde seine wahrscheinlich letzte Chance genutzt. Und beim Einsenden der Partie nicht vergessen, sein Mitgefühl für den jungen Gegner zum Ausdruck zu bringen. Der sei sehr enttäuscht gewesen.

Christian Böhmer. | Foto: Sandra Schmidt

Die Partie: