Aktuelle Infos und Beiträge zur OIBM

Die Maroczy-Pläne und -Besonderheiten kennt Simon Reinhard eher aus der weißen Perspektive. Aber warum das Bekannte nicht auch mit Schwarz anwenden, wenn es sich anbietet?

Eine weitere Maroczy-Partie des zweifachen Gedächtnisweltmeisters, wieder als Nachziehender:

Bestimmt eine der kürzesten Partien der OIBM 2025, wahrscheinlich das früheste Matt. Nach 10 Zügen war alles vorbei. Aber auch wenn nur 10 Züge gespielt wurden, fand Dennis Adelhütte doch genug Ansätze, das Werk mit seinen Kommentaren zu garnieren.

Dennis Adelhütte. | Foto: Sandra Schmidt

Bitteschön:

 

Ein Läufer kann sich nicht zweiteilen. Manchmal ist das ein Problem. Wenn es auf dem Brett zum Beispiel so steht…

…, dann wäre ein zweigeteilter schwarzfeldriger Läufer überaus praktisch. Er könnte gleichzeitig den wunden Punkt b6 decken und auf f8 ausharren, damit garantiert nichts auf h6 einschlägt. Die schwarze Stellung wäre nicht zu knacken.

Luis Engel hatte in der Spitzenpartie gegen Amin Tabatabaei einen schwarzfeldrigen Läufer, aber zwei wunde schwarzfeldrige Punkte. Ob die schwarze Stellung zu knacken ist, das sahen bald auch minderbegabte Schachspieler wie der Schreiber dieser Zeilen, würde davon abhängen, ob Weiß eine Konstellation konstruieren kann, in der es sich günstig auf h6 reinprügeln lässt.

Nicht einmal der hochbegabte Schachspieler Luis Engel vermochte zu verhindern, dass es nach 59 Zügen so stand:

Der schwarzfeldrige Läufer hat b6 gedeckt gehalten, aber kam nach dem Schwenk der weißen Kräfte nicht schnell genug zum anderen Krisenherd. Jetzt geht und geschah 60.Lxh6 gxh6 61.Tfxf6! mit weißer Gewinnstellung.

Damit ist die Frage beantwortet, wie die Partie am ersten Brett ausgegangen ist. Aber es stellt sich angesichts dieses Diagramms eine andere: Wie, bitteschön, sind die weißen Türme nach f5 und vor allem nach g6 gekommen?

Nun, das ging so:

Wir zeigen das hier in aller Ausführlichkeit, um zu dokumentieren, dass während der achten Runde der OIBM am ersten Brett strategische Feinkost serviert wurde (inklusive dem bislang nicht erwähnten weißen Königsmarsch quer übers Brett). Im Ergebnis haben wir jetzt zum dritten Mal einen alleinigen Tabellenführer. Elofavorit Amin Tabatabaei vom FC Bayern München hat nach 24 Stunden Luis Engel von der Spitze des Feldes gekegelt, um dort selbst zu thronen – vor sieben Verfolgern mit einem halben Punkt Rückstand.

Amin Tabatabaei geht nach seinem Sieg über Luis Engel als alleiniger Tabellenführer in die Schlussrunde. | Foto: Sandra Schmidt

Sollte Tabatabaei auch in der neunten und letzten Runde gewinnen, wäre ihm der Turniersieg sicher. Begnügt er sich mit einem Remis, könnte das nicht reichen, abhängig davon, wer aus der Gruppe der Verfolger gewinnt. Einige der Verfolger haben eine bessere Wertung, da Tabatabaei mit einem kampflosen Remis ins Turnier eingestiegen ist und deswegen nominell etwas schwächere Gegner hatte als diejenigen, die von Beginn an voll gepunktet haben.

Nach seinem Schwarzsieg in der achten Runde über IM Jin Yueheng wird Dominik Horvath (links) am Sonntag am ersten Brett die weißen Steine führen. Und es wird sich zeigen müssen, ob die Kontrahenten kämpferisch gestimmt sind. | Foto: Sandra Schmidt

So oder so, Luis Engel, Szymon Gumularz, Abdimalik Abdisalimov, Brewington Hardaway, N R Visakh und Dominik Horvath mit ihren jeweils 6,5 Punkten sind davon abhängig, wie in der neunten Runde die Partie von Tabatabaei ausgeht. Das gilt insbesondere für Horvath, der mit den weißen Steinen höchstselbst auf den Tabellenführer trifft.

Will er den U16- oder den großen Preis? Brewington Hardaway. | Foto: Sandra Schmidt

Auch in den Gruppen, in denen um Sonderpreise gespielt wird, ist längst nicht alles klar. Brewington Hardaway ist in der U16 zwar konkurrenzlos vorne, spielt aber um den Turniersieg mit. Sollte er sich dort einen Preis sichern, wäre die U16-Konkurrenz offen. Nebenbei ist Hardaway dafür mitverantwortlich, dass die Frauenkonkurrenz so knapp ist wie selten. In der achten Runde besiegte der US-Boy die Kasachin Liya Kurmangaliyeva, deren Traum von der GM-Norm damit ausgeträumt ist, und deren Führung in der Frauenkonkurrenz nun wackelt.

Zuletzt 4/5 ohne Niederlage: Svenja Butenandt ist oben angekommen. | Foto: Sandra Schmidt

Sieben Frauen, wahrscheinlich ein Novum in der OIBM-Geschichte, stehen vor der letzten Runde punktgleich mit 5,5 Zählern da, nach Wertung angeführt von Kurmangalieva. Mit Svenja Butenandt vom FC Bayern München hat sich eine Lokalmatadorin in diese Siebenergruppe geschoben. Nach wackeligem Start (1,5/3) hat Butenandt aus den folgenden fünf Partien vier Punkte geholt.

Sonderpreis für Christian Böhmer, dessen gleichermaßen mitfühlend und kompetent kommentierte Gewinnpartie aus der siebten Runde am Sonntag an dieser Stelle zu sehen sein wird. | Foto: Sandra Schmidt

 

 

Auch im hohen Norden haben wir so unsere Opens, dort, wo der Wind waagerecht weht und man die Deiche eher am Geruch als an der Steigung erkennt. Jetzt sind wir aber hier, an einem Ort, der schon vom Namen her nach Postkarte klingt: Tegernsee. Oder wie wir Nordlichter sagen würden, Meer ohne Salz, dafür mit Bergen.

Schon bei der Ankunft war klar: Hier läuft einiges anders. Wo bei uns die größten Erhebungen Maulwurfshügel heißen, trägt hier jeder Hügel stolz den Titel Berg, und obendrauf steht dann auch noch ein Kreuz, als wolle man sicherstellen, dass es jeder bemerkt.

Natürlich wollten auch wir eines dieser sagenumwobenen Gipfelkreuze erklimmen. Der Wallberg, liebevoll „Hausberg“ genannt, schien das perfekte Ziel. Und die gute Nachricht: Man muss nicht einmal klettern können, es gibt ja eine Seilbahn. Das klang ganz nach unserem Geschmack.

Also: Rauf auf den Berg.

Vorher aber noch schnell umgezogen, schließlich kann man ja nach der Fahrt direkt zur nächsten Partie. Schickes schwarzes Shirt mit Strass, dazu die guten Schuhe (flach, aber mit Stil), Glitzerrucksack auf, Sonnenbrille drauf, los geht’s! Sonnencreme? Ach was, es ist November!

Die Bahn schwebt uns nach oben, die Sonne scheint, und alles riecht nach Urlaubskatalog. Nur diese störenden Seile auf den Fotos, wie unpraktisch. Aber das wird oben bestimmt besser.

Oben angekommen, suchen wir erwartungsvoll das berühmte Gipfelkreuz. „Ah, da vorne, nur noch ein kleines Stück“, heißt es. Also los.

Doch dieses „Stück“ entpuppt sich als Geröllfeld aus, Moment, Felsen! Wo ist denn hier die Treppe? Und warum endet die Seilbahn nicht einfach am Gipfel?

Uns kommen Wanderer entgegen, schwer bepackt, mit Stöcken, Schuhen, Westen, allem Drum und Dran. Sie sehen uns an, als wären wir gerade einer Modenschau entlaufen. Wir schauen zurück und fragen uns, was die wohl so ernst nehmen an diesem „Hügelchen“.

Edelweiß? Nein, dann wäre es weiß. | Foto: Yvonne Malinowsky

Inmitten der Felsen entdecke ich ein Blümchen. „Edelweiß!“, rufe ich begeistert. „Enzian“, korrigiert mich mein Vereinskollege trocken. „Woher willst du das wissen?“ – „Weil’s blau ist. Und weil er so schön im Lied vorkommt: Blau, blau, blau blüht der Enzian.“

Recht hat er, und plötzlich haben wir alle denselben Ohrwurm. Da sag nochmal einer Schlager bilden nicht.

Nach einigen wenigen Metern stellen wir fest: Der Gipfel ist eher nur theoretisch erreichbar, jedenfalls in Schläppchen. Wir lachen über uns selbst, die Wanderer schütteln die Köpfe, und irgendwo in der Ferne grinst sicher ein Bayer und denkt: Typisch Nordlichter.

Für Fälle von Nichterreichbarkeit des Gipfelkreuzes ist im Rucksack ein Ersatzberg dabei. | Foto: Yvonne Malinowsky

Wir beschließen, dass der Bilderrahmen mit der Aufschrift „Gipfelmoment“ oder so ähnlich ohnehin das bessere Ziel ist. Und für solche Notfälle haben wir dann auch noch unseren eigenen Berg im Rucksack dabei. Sicher ist sicher. Gipfel, Foto, Sonne, perfekt. Und während die sportlich Ausgerüsteten noch schwitzen, stehen wir schon wieder entspannt an der Seilbahn.

Ein wunderbarer Ausflug, der uns eines lehrt:

Wenn die Süddeutschen das nächste Mal an der Nordsee staunen, dass es dort ihre Fischerbötchen auch in Großformat gibt, werden wir sie freundlich anlächeln. Denn jetzt verstehen wir sie ein bisschen besser.

So wie wir ehrfürchtig vor ihren Bergen stehen, so stehen sie eben vor unseren Schiffen, beide mit offenem Mund, beide mit Respekt, beide ein bisschen amüsiert.

Und genau das macht’s ja so schön: Dass man voneinander lernt und lacht. In diesem Sinne ein freundliches „Moin moin“ nach Bayern !

Postkarte: Levi Malinowsky (l.) mit Yvonne Malinowsky, Autorin dieses Beitrags. | Foto: privat

IM Patrick Zelbel erlebt am Tegernsee sein erstes Open seit 2018 – und den Versuch, Urlaub und Schach miteinander zu verbinden. Gemeinsam mit seiner Frau und dem Hund verbringt er eine Woche in den Bergen, tagsüber am Brett, sonst beim Wandern. Seine Schachkarriere sieht Zelbel heute gelassener denn je. Als Spieler des Zweitligisten Mülheim genießt er die ruhigere Saison, als Mitorganisator der Dortmunder Schachtage blickt er auch mit dem Ausrichterauge auf das Turniergeschehen. Am Tegernsee gefällt ihm das „Schach als Auszeit“-Gefühl – ein Kontrast zu Dortmund, wo Präsentation und Publikum stärker im Vordergrund stehen.

Patrick Zelbel. | Foto: Sandra Schmidt

Das Gespräch haben wir nach der sechsten Runde geführt:

Patrick, deine Premiere am Tegernsee. Wie kommt’s?

Meine Frau und ich machen ohnehin gern Urlaub in den Bergen, meistens in Bayern oder Österreich. Diesmal wollten wir im Herbst noch eine Woche wegfahren, und da habe ich sie überzeugt: Lass uns doch zum Tegernsee fahren – da kann ich Schach spielen, und wir machen gleichzeitig Urlaub. Eine schöne Mischung.

Und sie findet’s okay, dass du jeden Nachmittag vier, fünf Stunden am Brett sitzt?

Ja klar, wir haben unseren Hund dabei – das passt.

Dies ist nicht nur deine Premiere am Tegernsee. Es ist auch dein erstes Open seit 2018.

Ja, ich dachte, jetzt ist es mal wieder Zeit. Normalerweise spiele ich in mehreren Ligen – Deutschland, Niederlande, Belgien –, und dieses Jahr kam noch ein geschlossenes Turnier in Holland dazu. Das lief aber nicht besonders gut: Leistung um die 2440, weit weg von einer GM-Norm.

Verfolgst du dieses Ziel noch ernsthaft?

Vorletzte Bundesligasaison habe ich knapp eine GM-Norm verpasst. Vergangenes Jahr war ich ganz nah an 2500 Elo. Ich bin aber nie darüber gekommen, mein Peak war 2494. Inzwischen mache ich mir da keinen Druck mehr, sehe das ganz entspannt.

Mit dem Traditionsclub Mülheim seid ihr aus der Bundesliga abgestiegen.

Wir waren einfach zu schwach aufgestellt, und die Liga ist enorm stark. Ich bin aber gar nicht so traurig darüber, jetzt zweite Liga zu spielen – weniger Reisen, weniger Stress.

Du bist nicht nur Spieler, du bist auch Gesicht der Dortmunder Schachtage. Schaust du hier in Tegernsee mit dem Blick eines Veranstalters?

Natürlich. Wenn man selbst Turniere organisiert, guckt man automatisch, wie andere es machen. Die OIBM ist wunderschön gelegen, das Urlaubsfeeling hier einzigartig. In Dortmund ist der Fokus stärker auf Präsentation des Sports. Wir haben Kommentatoren vor Ort, Screens mit Live-Partien, Interviews nach den Runden, das spielt bei uns eine größere Rolle. Hier am Tegernsee geht’s eher um Atmosphäre und Schach als Auszeit.

Dortmund 2026 findet statt?

Ja, erste Augustwoche. Die Ausschreibung kommt rund um den Jahreswechsel. Teil der Veranstaltung soll neben einem starken A-Open (Sieger 2025 Matthias Blübaum) und dem B-Open wieder ein besonderes Turnier auf der Bühne sein, daran arbeiten wir noch. Wir müssen auch sehen, was finanziell möglich ist.

Hier stehst du bei 4,5 Punkten aus 6 Partien. Zufrieden?

Mit der Qualität meiner Partien bin ich zufrieden. Mit den Ergebnissen nicht ganz. Ein gewonnenes Mittelspiel habe ich in Runde 3 verschenkt, in Runde 5 hatte ich Gewinnchancen gegen Liam Vrolijk, aber habe jeweils nur halbe Punkte geholt. Heute gegen Dominik Horvath war’s ausgeglichen. Das Remis geht in Ordnung.

Was nimmst du dir für die letzten Runden vor?

Für einen Platz ganz oben wird es wohl nicht mehr reichen, da bin ich realistisch. Ich versuche, gutes Schach zu spielen, und dann schauen wir mal, wohin das führt. Vor allem finde ich es schön, wieder ein Open zu spielen.