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Über „eine ziemlich coole Partie“ freute sich Abhiraaj Arora – zu Recht. In der fünften Runde gelang ihm eine Sizilianisch-Dekonstruktion wie aus dem Lehrbuch. Springer auf f5 geopfert, rumms, rumms, aus. Diese Vorstellung soll den 540 Mitspielerinnen und Mitspielern nicht entgehen, darum sei sie hier verewigt:
2024 war seine Ausbeute eher dürftig. Nadeesh Ingo Lindam war 2025 darum mit dem Vorsatz zum Tegernsee gefahren, so schöne Partien zu spielen, dass sich die eine oder andere hier vorzuzeigen lohnt. In den ersten drei Runden, naja, schöne Ansätze, aber auch Schönheitsfehler, wie Lindam mitteilt. In Runde vier war es dann soweit. Nicht nur eine sehr schöne Partie, auch die Fortsetzung eines Kanons gelang Lindam.

Einen Eröffnungstrainer braucht Ingo Lindam offensichtlich nicht, darum bekam er von Sebastian Siebrecht einen Endspieltrainer. | Foto: Sandra Schmidt
Nachdem er schon 2022 mit gelungenen Tolush-Geller-Partien an dieser Stelle vertreten war, hier das nächste Kapitel:
„Erfüllt nicht ganz die Kriterien für einen Schönheitspreis“, schreibt Paulus Wolfahrt zur folgenden Partie aus der fünften Runde. Mag sein, aber die Kriterien für eine Veröffentlichung im Turnierblog erfüllt sie allemal. Es ist beim Schach nun einmal so, dass die Gegnerin oder der Gegner ein wenig mithelfen muss, damit unsere Kombinationen funktionieren. In diesem Fall hatte Paulus Wohlfahrt die Kombination aus der Ferne erspäht, aber es bedurfte eben besagter Hilfe, dass sie aufs Brett kommt.
Und damit ins Turnierblog:
Als nach nicht viel mehr als einer Stunde am zweiten Brett Brewington Hardaway und der Co-Führende Kirk Ghazrian einen US-amerikanischen Nichtangriffspakt besiegelten, war der Weg an die Tabellenspitze frei. Luis Engel oder Abdimalik Abdisalimov? Fest stand: Wer das Duell dieser beiden Großmeister am ersten Brett gewinnt, führt zwei Runden vor Schluss alleine die Tabelle an.

Noch hat der alleinige Spitzenreiter Luis Engel Anlass, sich umzugucken. Drei Verfolger sind ihm mit einem halben Punkt Abstand auf den Fersen. | Foto: Sandra Schmidt
Schon als die US-Boys Frieden schlossen, zeichnete sich ab, dass Luis Engel gute Chancen haben würde. In einem scharfen sizilianischen Gefecht hatte er seinen gesamten Königsflügel nach vorne geworfen und zugleich eine perfekt getimte Rochade an den Damenflügel hingelegt, wo sein König zumindest temporär in Sicherheit sein würde. Es sah früh bedrohlich aus für Abdisalimov, und diese Einschätzung sollte sich über die Dauer der Partie nicht ändern.

Es bedarf keiner 2600 Elo, um hier auf die einzige Lösung zu kommen, da sie sich angesichts der schwarzen Drohungen per Ausschlussverfahren finden lässt. Nachdem das bisherige Geschehen im Zeichen gegenseitigen Angriffs stand, ist nun der richtige Weg, umzudenken und die Damen vom Brett zu nehmen. Nach etwa 29.Ld3 Ta8! wäre Schwarz dick im Geschäft. Nicht so nach 29.Dd3!, wonach Schwarz nichts anderes bleibt, als die Damen zu tauschen. Schwarz bekommt sogar ein Endspiel mit Mehrbauer, aber unter anderem wegen der chronischen schwarzen Grundreihenschwäche ist die Stellung trotzdem für Weiß gewonnen.
Aber der Charakter der Partie. Es wurde dann doch kein Matt-Wettrennen auf zwei Flügeln, sondern ein Endspiel, in dem der Usbeke sogar einen Mehrbauern sein Eigen nennen durfte. Freude wird ihm dieser materielle Mehrbesitz nicht bereitet haben. Die Lage war unverändert trostlos, der schwarze König in höchster Mattgefahr auf der Grundreihe festgenagelt. Als im 39. Zug ein Matt in 8 auf dem Brett stand, gab sich Abdisalimov geschlagen.
Luis Engel ist damit der zweite alleine Führende des Turniers, nachdem Szymon Gumularz es in der fünften Runde gelungen war, sich mit einer 100-Prozent-Bilanz von der Meute abzusetzen. In Runde sechs besiegte Engels Gumularz, in Runde sieben nun Abdisalimov. Nur gegen WGM Zsoka Gaal in Runde drei ließ der 23-Jährige einen halben Zähler.
Gelutscht ist der Drops noch lange nicht. Drei Großmeister mit einem halben Punkt Abstand sind dem angehenden Juristen Engel auf den Fersen, und alle drei können noch auf eine erfolgreiche Berufung hoffen: Besagter Kirk Ghazarian hat seine Schwarzpartie (bzw. Nichtpartie) in der siebten Runde genutzt, um Kraft für den Endspurt zu schöpfen. Elofavorit Amin Tabatabaei hat, ebenfalls mit Schwarz, am dritten Brett eine technische Partie überzeugend gewonnen und ist mit 6/7 nun endgültig im Rennen um den Turniersieg. Dazu kommt jemand, von dem an dieser Stelle noch gar nicht die Rede war, zumindest nicht dieses Jahr.
Tegernsee-Stammgast Chanda Sandipan hatte sich in Runde drei und vier Remisen gegen nominell deutlich schwächere Gegner erlaubt und war deswegen im bisherigen Verlauf des Wettbewerbs noch nicht in der Nähe der Tabellenspitze aufgetaucht. Das hat sich nun geändert. Sollte es eines Nachweises seiner Klasse bedurft haben, sein Schwarzsieg über Luis Engel in der siebten Runde mit seinem geliebten Stonewall sollte dafür bequem ausreichen. Auch der Inder hat nach diversen Anläufen in den Vorjahren mit 6/7 nun die Chance, zum ersten Mal die OIBM zu gewinnen.

45.Lg6 war der letzte Fehler – wenn es Schwarz gelingt, die Gewinnaufstellung zu finden. Die geht so: Erst den Läufer nach b3, und wenn Weiß dann Lf7 zieht, marschieren wir mit dem König über b5 und c6 nach d5, holen d4 ab, und Weiß kann aufgeben. In der Partie ließ sich das Leonardo Costa nicht bis zum Ende zeigen.

Jiri Stocek, OIBM-Sieger 2023, wird den Titel zumindest in diesem Jahr nicht zum zweiten Mal gewinnen. Mit 5,5 Punkten liegt der tschechische Großmeister auf Rang 12. | Foto: Sandra Schmidt
Theoretisch ließen sich wahrscheinlich Szenarien konstruieren, in denen am Ende jemand ganz oben steht, die nach 7 Runden auf 5,5 Punkte kommt. …die? Ja! Liya Kurmangaliyeva hat in der siebten Runde wieder gewonnen, wieder sehenswert, diesmal mit Schwarz gegen Ashot Parvanyan. Mit 5,5/7 und einer Performance jenseits der 2600 ist für die 20-jährige Kasachin nun sogar eine Großmeisternorm greifbar. Und, ohne den Simulationsrechner konsultiert zu haben, bestimmt existiert ein Universum, in dem sie am Ende sogar auf Rang eins der Tabelle steht. Allzu weit nach oben rücken muss sie dafür nicht mehr. Aktuell steht sie auf Rang sieben als Wertungsdrittbeste des guten Dutzends Spieler mit 5,5 Punkten.

Was Liya Kurmangaliyeva am Ende gegen Ashot Parvanyan aufs Brett stellte, glich einer Demonstration. Dies ist die Schlussstellung nach 33…g5: Das tödliche Springerschach auf f4 ist nicht zu verhindern.
Theoretische Prognosen gehen in beiden Richtungen. Bestimmt existiert auch ein Universum, in dem sie am Ende mit leeren Händen dasteht. Im Rennen um den Frauenpreis sind die Verfolgerinnen nach Wertung zwar abgehängt, aber nach Punkten nicht abgeschüttelt. Jana Schneider und Lilit Mkrtjan lauern mit 5/7 auf einen Ausrutscher von Kurmangaliyeva.

Jana Schneider (r.) knöpfte in der siebten Runde Patrick Zelbel einen halben Punkt ab. | Foto: Sandra Schmidt
Nachzutragen sind noch die Ergebnisse des traditionellen Blitzturniers im Zelt zum Bergfest: 30 Teilnehmer spielten in fünf Vorgruppen und dann in fünf Finalgruppen, sodass jede und jeder zehn Partien absolvierte. Das komplette Startgeld, 300 Euro, wurde als Preisgeld ausgeschüttet. Dazu kamen von Chessware gestiftete Sachpreise.
Als unaufhaltsam entpuppte sich Großmeister Christian Bauer, der alle zehn Partien gewann. Auf den Plätzen: GM Dominik Horvath und FM Levi Malinowsky.
Wie viel und wie gerne Christian Bauer Schach spielt, lässt sich an der Fortschrittstabelle der OIBM 2025 ablesen. Der 1977 in Forbach geborene Schachgroßmeister ist direkt von einem Turnier in Frankreich angereist, hat am Tegernsee sogar die erste Runde ausgesetzt, um teilnehmen zu können. Nächste Jahr wolle er weniger spielen, beteuert Bauer im Interview für das Turnierblog, das wir nach der sechsten Runde geführt haben.
Bauer gewann dreimal die französische Meisterschaft (1996, 2012, 2015) und erreichte im August 2012 mit einer Elo-Zahl von 2682 Platz 69 der Weltrangliste – seine beste Position. Für Frankreich spielte Bauer bei mehreren Schacholympiaden und Europameisterschaften, wo er 2001 Silber und 2005 Bronze im Team gewann.
„Ich spiele riskant“, räumt Bauer ein, was sich wahrscheinlich auch seine oft originelle Eröffnungswahl bezieht. Als Autor hat er eine ganze Reihe anerkannter Fachbücher veröffentlicht, unter anderem Eröffnungswerke über die semikrummen Eröffnungen, die Teil seines Repertoires sind, die Nimzowitsch- oder die Aljechin-Verteidigung etwa. Bauer ist auch ein gefragter Coach, der gerade erst den Schweizer Jugendkader bei der Weltmeisterschaft betreut hat.
Das Interview:
Christian, warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?
(lacht) Mein Vater, Deutschlehrer, würde nicht sagen, dass ich so gut spreche. Ich bin in Moselle aufgewachsen, etwa 15 Kilometer von Saarbrücken entfernt, und damals war Deutsch im Gymnasium die erste Fremdsprache. Im Alltag haben wir zu Hause Französisch gesprochen, aber die Nähe zum Deutschen war da. Später habe ich dann angefangen, Turniere in Deutschland zu spielen – da kam die Sprache automatisch.
Du spielst viel, bist gerade direkt von einem Turnier in Frankreich an den Tegernsee gefahren. Keine Zeit für Pausen?
Ich habe mir tatsächlich vorgenommen, mein Pensum etwas zu senken. Nächstes Jahr will ich weniger spielen. Aber noch läuft’s ganz gut. Ich werde am Jahresende wahrscheinlich um die 30 Blitz- und Rapidturniere gespielt haben, plus sechs oder sieben klassische. Es macht mir immer noch Spaß, auch wenn es schwieriger wird, starke Turniere zu gewinnen.
Weil die Gegner jünger und besser werden – oder weil du den Zahn der Zeit spürst?
Ein bisschen von beidem vielleicht. Ich weiß nicht, ob die Jungen wirklich besser sind als früher. Sie lernen viel auswendig, aber nicht immer mit Verständnis. Es gibt viele, die schnell Fortschritte machen, aber nicht alle sind wirklich stark. Mein Eindruck ist: Sie verteidigen besser, aber sie verstehen die Grundlagen oft weniger.
Du bist ja auch Trainer. Versuchst du bei deinen Schülern genau da anzusetzen – Verständnis statt Auswendiglernen?
Absolut. Zum Beispiel vor drei Wochen in Albanien bei der WM, dort habe ich für die Schweiz gecoacht. Auch im Einzeltraining arbeite ich meist mit jungen Spielern und betone immer: Theorie ist schön, aber wenn man nicht versteht, was man tut, bringt das nichts.
Wie verbringst du hier am Tegernsee deine freien Stunden?
Unspektakulär. Vormittags schaue ich meistens beim World Cup zu, und vor den Partien versuche ich, ein wenig zu schlafen. Meistens gehe ich zu Fuß zum Spielsaal, das dauert etwa 35 Minuten. Nach der Runde gehe ich noch ein bisschen spazieren, schaue abends vielleicht eine Netflix-Serie. Wandern gehe ich eher nicht, das wäre mir zu anstrengend. Ich will meine Energie fürs Schach sparen.
Heute hast du verloren. Viele Spieler sind nach so einem Tag schlecht anzusprechen, aber du klingst erstaunlich gelassen.
Das war nicht immer so. Früher habe ich mich mehr geärgert, aber mittlerweile gehe ich besser damit um. Ich spiele nun einmal riskant, dadurch verliere ich öfter als andere, das ist Teil meines Stils. Wichtig ist, dass man die Freude nicht verliert.















