Aktuelle Infos und Beiträge zur OIBM
Nigel Short gegen Jan Timman, Tilburg 1991, klingelt da etwas? Falls nicht, bitte nachschauen 🙂
IM Patrick Zelbel wird wahrscheinlich zustimmen, dass sein Königsmarsch vom Tegernsee 2025 nicht ganz an die spektakuläre Wanderung heranreicht, mit der Nigel Short vor 34 Jahren in die Schachgeschichte eingegangen ist. Schön und veröffentlichungswürdig war er trotzdem. Im 35. Zug startet der Monarch auf g2, nur um fünf Züge später als Mattsetzhilfe auf h6 aufzutauchen:
Am Tegernsee ist Reinhard nicht als Gedächtnisweltmeister, sondern als Schachspieler. „Könnte interessant sein“, schreibt er zu folgender Partie aus der vierten Runde – und bezieht sich ausdrücklich auf die zweite Hälfte der Partie. Die erste sei der Vollständigkeit halber gezeigt, aber an dieser Stelle nicht weiter erwähnt. Was danach kam, war originell, raffiniert und stellenweise studienartig. Ein Pendelmanöver, eine studienartige (am Brett nicht gesehene) Rettung, eine Desperado-Drohung, unter Turmopfer abgewehrt, und ganz am Ende sogar ein paar Steinitz-von-Bardeleben-Vibes.
Damit wir folgen können, war Simon Reinhard so freundlich, das Werk aus der vierten Runde zu kommentieren:
Den alleinigen Platz an der Sonne belegte Szymon Gumularz für 24 Stunden. In der sechsten Runde traf der Tabellenführer auf Luis Engel, und knapp fünf Stunden später waren die 100-Prozent-Bilanz und die alleinige Tabellenführung dahin.
Der Großmeister aus Hamburg entschied die Partie am ersten Brett für sich und führt nun selbst als Teil eines Trios, das mit 5,5 Punkten aus 6 Partien vorne steht. Neben Engel stehen der usbekische Großmeister Abdimalik Abdisalimov sowie der US-Großmeister Kirk Ghazarian vorne. Engel und Abdisalimov, jeweils Jahrgang 2002, sind die Senioren dieser Dreiergruppe. Ghazarian, Jahrgang 2006 und seit 2024 Großmeister, dürfte fast noch in der Jugendkonkurrenz mitspielen. Nach Wertung liegt Engel vor den beiden Konkurrenten mit 5,5 Punkten.

Ein arger Missgriff des Tabellenführers. Jetzt 13…Lxf3, und bei Weiß fällt eine ganze Figur um. Gumularz gab nicht auf, kollabierte nicht, sondern versuchte konsequent, Probleme zu stellen. Er zwang Luis Engel in eine beiderseitige Zeitnot und hangelte sich bis in ein Endspiel, das nicht trivial war, aber letztlich nicht zu retten.
Luis Engel hat schon vor einigen Jahren beschlossen, dass er seine Gabe fürs Schach nicht bis zum Äußersten ausreizen möchte. Aber ein ambitionierter Amateur sein, das will er durchaus, und nach Luis-Engel-Maßstäben bedeutet das, sich dahin zu orientieren, wovon 99,9 Prozent aller Amateure nur träumen können: Elo 2600. Das hat Engel jetzt im Interview für unser Turnierblog erklärt. Und festgestellt, die 2600 seien ja nicht mehr weit weg.

Rumms! Mit 28.Lxh6! bog Abdimalik auf die Siegerstraße ein. Die Gemeinheit besteht darin, dass 28…gxh6 nicht funktioniert: 29.Txf5! nebst Dg4+ und aus.
Das gilt umso mehr nach dem Sieg über Gumularz. Bislang steht eine Performance von 2776 zu Buche, das bedeutet ein Eloplus von knapp 12 Punkten. Damit steht Engel, Stand nach der 6. Runde, bei 2579. Vielleicht liegt es am Rückenwind, der ihn an den Tegernsee getragen hat? Gerade erst hat Luis Engel das Open in Amsterdam gewonnen, und er scheint am Tegernsee weiterzumachen, wo er an der Amstel aufgehört hat.

Sieht aus wie eine normale, in der Nähe des Ausgleichs befindliche e4/e5-Stellung. Ist auch eine, aber nur, wenn Schwarz erkennt, welche gewaltige positionelle Drohung in der Luft liegt, und ihr begegnet. Es droht Sxf6+ nebst Sh2!(-g4) und f4 mit Öffnen der f-Linie, Druck gegen f7 und Spiel gegen den schwarzen König. Das ist genau das, was nach 13…Sb8? passierte, und nach 24 Zügen war es vorbei. Tegernsee-Stammgast Martin Forchert mit nun 4,5 Punkten wird das Turnier nicht gewinnen, streitet aber mit dem fast gleichauf liegenden Tegernsee-Stammgast Dieter Morawietz um den Seniorenpreis.
Bei drei noch zu spielenden Runden wird der Kreis derer, die am Ende das Turnier gewinnen können, naturgemäß überschaubar. Deutlich größer als das Trio, das nach der jetzigen Momentaufnahme führt, ist er trotzdem. Die sieben Spieler mit einem halben Punkt Rückstand gehören allemal dazu, darunter der entthronte Tabellenführer Gumularz, darunter Elofavorit Amin Tabatabaei, darunter auch ein Lokalmatador.
Leonardo Costa aus München, auch der mit den 2600 im Blick, hat sich in der sechsten Runde dank eines Schwarzsieges über den indischen IM Rathanvel in die Verfolgergruppe geschoben. Allerdings schleppt Costa ein Wertungsproblem mit sich herum. Er kann noch so oft gewinnen, seine Punkteteilung zum Auftakt führt dazu, dass sein Gegnerschnitt stets etwas geringer sein wird als der der meisten Konkurrenten.

Benjamin Glock bekommt von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht einen Preis für, nein, nicht für die Schachfliege, sondern für eine Königshatz, die er fürs Turnierblog kommentiert hat. | Foto: Sandra Schmidt
Ein Wertungsthema prägt auch die Frauenkonkurrenz. Nach Punkten haben die Inderin Swaminatnaa Soumya und Jana Schneider zu den führenden Kasachinnen Liya Kurmangalieva und Alua Nurman aufgeschlossen. Während die beiden Erstgenannten in der sechsten Runde gewannen, remisierten die beiden Letztgenannten, jeweils gegen Großmeister.

Liya Kurmangalieva hat schon zwei GM besiegt, darunter den Usbeken Ortik Nigmatov, der ihr hier (5. Runde) gegenübersitzt. | Foto: Sandra Schmidt
Zwar stehen alle vier bei 4,5 Punkten, aber nach Wertung trennen sie Welten. Tatsächlich segeln Kurmangalieva (die schon zwei GM besiegt hat) und Nurman (die noch keine Partie verloren hat) mindestens auf IM-Kurs. Sollte es Kurmangalieva mit ihrer bisherigen Performance von 2556 schaffen, noch eine Schüppe draufzulegen, sogar eine GM-Norm könnte greifbar werden.
Von Yvonne Malinowsky
„Bist du eigentlich die Schwester von Levi?“
Und: „Bist du auch so stark wie dein großer Bruder?“
Diese Frage, halb neugierig, halb erwartungsvoll, fällt hier auf der OIBM erstaunlich oft.
Und jedes Mal fragt man sich: Welche Antwort ist denn jetzt die richtige?
Von Levi hat man zumindest in Schleswig-Holstein schon gehört: der Junge mit der Elo, dem frischen FM-Titel, den Erfolgen.
Aber Celina? Wer ist eigentlich Celina?

Teilen Leidenschaft und Siege, fiebern mit dem anderen mit: Celina und Levi Malinowsky. | Foto: Yvonne Malinowsky
Nun, Celina ist Levis Schwester.
Aber eben nicht nur das.
Denn was viele Geschwisterkinder kennen, kennt auch sie:
Auf den ersten Blick steht man im Schatten des Bruders oder der Schwester, allerdings nur, weil andere die Scheinwerfer auf sie ausrichten.
Alle schauen zur Sonne, kaum einer bemerkt den Mond.
Obwohl er die ganze Nacht für uns da ist.
Wir setzen Maßstäbe nach dem, was wir zuerst sehen, oft die falschen.
Und so entstehen Vergleiche, Urteile, Erwartungen.
Viele Erwachsene sagen später, sie hätten darunter gelitten: unter dem vermeintlich „schlauen Bruder“ oder der überschätzen „begabten Schwester“.
Celina?
Sie war von Anfang an Levis größter Fan, seine Supporterin seit Tag eins.
Ja, richtig gelesen, seit seiner Geburt.
Denn obwohl sie inzwischen „die kleine Schwester“ ist, ist sie tatsächlich die Ältere.
Celina ist die, die Pläne zurückstellt, wenn wieder „eine wichtige Partie“ ansteht.
Die akzeptiert, dass Urlaube sich nach Turnieren richten.
Die am Bildschirm mitfiebert, wenn Levi bei Jugend-WM, Deutscher Meisterschaft oder Open spielt.
Und sie ist auch die, die während Levi seine Titel zum CM und FM machte, ganz nebenbei ihr Abitur schaffte, studierte und letzten Monat ihren Bachelor of Science ablegte.
Celina war früher ebenfalls Kaderspielerin, allerdings im Fußball.
Heute ist sie am liebsten wandernd oder laufend unterwegs.
100 Kilometer in 24 Stunden am Stück?
Kein Problem, sie zieht dich durchs Dunkel, gibt nicht auf, während diesmal Levi zuhause auf Instagram mitfiebert.
Schaffen sie es? Halten sie durch ?
Und ja, mit Celina an der Seite schafft man es.
Halbmarathon? Klar.
Marathon? Wird schon klappen.
Sie nimmt sich selbst dabei so herrlich uneitel auf die Schippe, dass selbst Levi beim Chessbase-Training lachen muss.
Vor einer Partie zählt bei ihr das gut sitzende Outfit und die liebevoll gepackte Brotdose.
„Muss reichen“, sagt sie dann lachend.
Ernährungspläne? Trainingsstrategien?
Kennt sie. Liest sie gern. Ignoriert sie charmant.
Ein Latte Macchiato und ein Keks vor dem Lauf, auch das reicht, wenn man Humor hat.
Dieses Jahr spielt Celina erstmals selbst bei der OIBM.
Mit Brotdose, Lächeln und Lust auf den Tag.
Sie genießt das Turnier, den See, den Käfer-Shop (ja, den mit den Souvenirs!) und verbindet Schach mit Urlaub.
Neid und Missgunst bei den beiden? Fehlanzeige.
Sie teilen ihre Leidenschaft und ihre Siege:
Viermal in Folge sind sie nun Landesfamilienmeister in Schleswig-Holstein.
Und wie es sich für echte Champions gehört,
gibt’s auch ein Sieger-Ritual:
Ein Kinder-Joy-Ei wird feierlich verspeist.
Nur nach einem Sieg, versteht sich, denn ohne Ziele ist das Leben nur ein Remis.
Und wer jetzt immer noch denkt, er spiele „gegen Levis kleine Schwester“, sollte wissen:
Er spielt gegen eine Wirtschaftsinformatikerin, die, wie gestern Morgen zum Beispiel, bereits vor dem Frühstück, einen Halbmarathon um den Tegernsee gelaufen ist, ihre Partie vorbereitet hat und jetzt, mit etwas mehr Zeit nach dem Studium, auf Titeljagd gehen wird.
„WCM…., sie wird kommen, irgendwann, ganz ganz bestimmt……“
Zuletzt 2019 war Luis Engel zum Schachspielen am Tegernsee, damals als eines der beiden überragenden Talente des deutschen Schachs – und als jemand, der Schach liebt, aber dem Sport nicht sein Leben widmen will. Inzwischen ist Luis Engel 23, hat sein Jurastudium fast abgeschlossen, das erste Examen geschrieben. Jetzt nimmt er sich ein Jahr Zeit, um wieder ernsthaft Schach zu spielen. Der Deutsche Meister von 2020 und Sieger des German Masters 2021 spricht über den Neustart am Brett, die Balance zwischen Kanzlei und Turniersaal und darüber, warum der Tegernsee für ihn der perfekte Ort für sein Schachjahr 2025/26 ist.
Wir haben das Gespräch nach der ersten Runde geführt:
Luis, nach der OIBM 2019 wieder am Tegernsee! Warum die lange Pause, und was führt dich diesmal her?
Es hat sich seit 2019 einfach nicht ergeben. In den vergangenen Jahren war ich stark mit meinem Jurastudium beschäftigt und hatte wenig Zeit für Turniere – meist nur zwei oder drei pro Jahr. Im Februar habe ich mein erstes Examen geschrieben und mir danach ein Jahr genommen, um wieder mehr Schach zu spielen. Ich möchte sehen, wie weit ich noch komme. Jetzt habe ich endlich die Zeit für ein Turnier wie dieses, das mit An- und Abreise gut zehn Tage dauert. Von 2019 bringe ich schöne Erinnerungen mit: ein starkes Turnier in einer wunderbaren Umgebung. Außerdem studiert meine Freundin in München. Sie war gestern schon da, wir können uns gegenseitig besuchen. Diesmal passt alles zusammen.
Wie nutzt du die Freizeit hier?
Wenn das Wetter gut ist, laufe ich gerne um den Tegernsee. Ich laufe generell gern, und hier ist die Gegend einfach traumhaft dafür. Aber ich achte natürlich darauf, dass es nicht zu anstrengend wird. Ich will ja nicht erschöpft ans Brett kommen. Außerdem werde ich das gute Essen genießen, das gehört hier dazu.
Du hast gerade in Amsterdam ein Turnier gewonnen.
Ja, das Amsterdam-Open. Ich war zwar nominell Favorit, aber das allein gewinnt noch kein Turnier. Es ist dann wirklich gut gelaufen – Motivation für das Turnier hier.
Spielst du jetzt ein Jahr lang ausschließlich Schach?
Nein, ich arbeite zwei Tage pro Woche in einer Kanzlei als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Mir bleibt auf diese Weise genug Zeit fürs Schach, und noch dazu kann ich dank meines regelmäßigen Einkommens ohne Druck spielen.
Was macht der wissenschaftliche Mitarbeiter Luis Engel?
Ich unterstütze Anwälte bei der Recherche, arbeite mich in Fälle ein, schreibe Textteile für Schriftsätze und begleite Mandate. Das ist ziemlich vielseitig. Mir gefällt es sehr.
Und langfristig? Rechtsanwalt Luis Engel?
Gut möglich. Nach diesem Schachjahr steht erst einmal das zweijährige Referendariat an. Dann kann ich als Anwalt oder Richter arbeiten. Wahrscheinlich starte ich erst einmal als Anwalt, so wie die meisten. Aber ich halte mir alles offen.
Trotz deines riesigen Schachtalents hast du dich früh entschieden, Jura zu studieren. Gute Entscheidung?
Ich bin sehr zufrieden damit. Ganz auf Schach zu setzen, wäre nichts für mich. Das Jurastudium erfüllt mich, und Schach bleibt ein wichtiger Teil meines Lebens – aber eher als leidenschaftliches Hobby. Ich spiele weiterhin Bundesliga und ein paar Turniere im Jahr. Diese Kombination macht mich glücklich.
Und im Schach willst du sehen, wie weit du noch kommst. Gibt es konkrete Ziele?
Im Grunde habe ich alles erreicht, was ich mir vorgenommen hatte. Ein Traum wäre, einmal bei der Schacholympiade für Deutschland zu spielen. Aber die Konkurrenz in der Nationalmannschaft ist so stark wie nie, und fast alle vor mir sind Profis. Realistisch wäre für mich, die 2600 Elo-Marke zu knacken – da fehlt nicht mehr viel. Ich bin gerade bei 2567, das ist mein Allzeithoch.
Mit dem Amsterdam-Sieg im Rücken gehörst du hier am Tegernsee zu den Favoriten. Was nimmst du dir vor?
Ich bin an vier gesetzt – klar, da will man vorne landen. Aber bei so einem starken Feld kann viel passieren. Vor allem will ich gute Partien spielen und Spaß haben.
Die schöne Kombi in der ersten Runde hat dir wahrscheinlich Spaß gemacht.
Stimmt. So kann es gerne weitergehen.

Luis Engels taktisches Finale in der ersten Runde: 23.Sxh7! war nur der Auftakt. Engel hatte berechnet, dass nach 23…Kxh7 24.Lxg6+! Kh8 (sonst wird es matt) 25.Lxe8 Lxe8 26.Lxc3 Dxc3 die Pointe 27.h7 eine Figur gewinnt. Der angegriffene Springer auf g8 hat keine Felder mehr, nur deswegen funktioniert die Kombi.













