Aktuelle Infos und Beiträge zur OIBM

„Vom Nixversteher zum Königsjäger“ – so heißt der (hoch bewertete!) Schachkurs, den Benjamin Glock auf der Plattform Udemy anbietet. Dass Schachtrainer Glock angehende Königsjäger erfolgreich ausbilden kann, hat er in der vierten Runde der OIBM 2025 eindrucksvoll untermauert. Der Mann kennt sich aus mit dem Jagen und Erlegen von hölzernen Monarchen.

Benjamin Glock. | Foto: Sandra Schmidt

Kreismeister im Schnellschach war er, Ostthüringer Meister U18, und, wer weiß, vielleicht ist ja am Tegernsee ein Ratingpreis drin. Falls das nicht klappt, einen Schönheitspreis hat Glock jetzt sicher, am Donnerstag überreicht von Turnierdirektor Sebastian Siebrecht. Einerseits für die Partie, andererseits für die Kommentare zu derselben, die wir heute nur zu gern veröffentlichen: Figurenopfer, Durchbruch, Königshatz, alles drin, was das Jägerherz ersehnt.

Dass Szymon Gumularz Blitzstart kann, wissen wir spätestens seit September 2025. Ohne Niederlage mit 3,5/5 gegen einen Schnitt von knapp 2700 Elo pflügte der polnische Großmeister anfangs durch das Weltklassefeld des Grand Swiss.

Szymon Gumularz. | Foto: Sandra Schmidt

Ganz so stark sind die Gegner am Tegernsee nicht. Das mag dazu beigetragen haben, dass Gumularz seinen Fünf-Runden-Blitzstart-Rekord von September jetzt noch deutlich ausgebaut hat. Mit Schwarz und erstaunlich souverän besiegte der 23-Jährige aus Krakau am Mittwoch in der fünften Runde den US-Newcomer Brewington Hardaway. Damit hat sich der Bundesligaspieler vom SV Werder Bremen zum ersten alleinigen Tabellenführer der OIBM 2025 gekürt. Dieses Jahr ist mehr drin als sein sechster Platz vor vier Jahren.

29…Txd4! ist umso hübscher, wenn wir uns 30.De2 Td2! vorstellen. Und auch die Partieabwicklung 30.Dxd4 Dxf3+ 31.Kg1 Sf2 führte unmittelbar zur Aufgabe. Damit stand Abdimalik bei 4,5 Punkten.

Mit 5/5 führt der Schachprofi, Schachcoach und Fernstudent jetzt vor einem internationalen Großmeisterquartett, das ihm mit einem halben Punkt Rückstand im Nacken sitzt. Paulius Pultinevicius (Litauen), Abdimalik Abdisalimov (Usbekistan), Christian Bauer (Frankreich) und Luis Engel (Deutschland) sind in unmittelbarer Reichweite des Spitzenreiters. Engel stieß als letzter zu diesem Quartett, nachdem er nach fast fünfstündigem Kampf US-IM Nico Chasin niedergerungen hatte.

Vorjahressieger Titas Stremavicius ist diesmal nicht dabei. Aber das Foto dürfte in etwa seinen Gesichtsausdruck zeigen, als am Mittwoch knapp 7000 Kilometer entfernt vom Tegernsee Wesley So ein ausgeglichenes Endspiel aufgab. | Foto: Sandra Schmidt

Einer, der gewiss das Zeug hätte, Gumularz zu stoppen, ist nicht dabei. Trotzdem stand Vorjahressieger Titas Stremavicius gestern im Mittelpunkt des Welt-Schachinteresses. Seine Abwesenheit am Tegernsee hängt mit seiner Anwesenheit beim World Cup in Goa zusammen. Und dort kegelte der Litauer keinen Geringeren als Top-Ten-Spieler Wesley So (USA) aus dem Turnier. Kurios dabei: Eigentlich hätte es beim Stand von 1:1 einen Tiebreak zwischen diesen beiden gegeben, aber So sah Gespenster und gab ein ausgeglichenes Endspiel auf. Damit stand es 1,5:0,5, und der OIBM-Sieger 2024 war weiter.

Richard Litzka bekam einen Sonderpreis für seine „Läuferpeitsche“ (Sebastian Siebrecht) in der vierten Runde. | Foto: Sandra Schmidt

Damit ist der 2025er-Titel für andere offen. Neben dem Quartett hinter Gumularz dürfen sich auch diejenigen mit vier Punkten noch Hoffnung machen, und von denen gibt es eine ganze Reihe, mehr als 20. Darunter finden sich die beiden nach fünf Runden besten Frauen im Feld. Liya Kurmangalieva und Alua Nurman, jeweils 4/5, schicken sich an, die Frauenkonkurrenz zu einer rein kasachischen Angelegenheit zu machen.

Für WGM Alua Nurman ist mit 4/5 auch der ganz große Preis noch in Reichweite. | Foto: Sandra Schmidt

Aber auch hier gilt: Die Verfolgerinnen sitzen ihnen mit einem halben Punkt Abstand im Nacken. Unter den Spielerinnen mit 3,5/5 findet sich Nationalspielerin Jana Schneider. Die Lokalmatadorin hat ihre Zweitrundenniederlage gegen den blitzstartenden Szymon Gumularz offenbar abgeschüttelt.

Wahrscheinlich war 19…Sxd5 geplant, aber dann folgt 20.Sg6!, und Schwarz muss sich von Material trennen. Das Problem ist, wenn 19…Sxd5 nicht geht, ist die Lage ohnehin traurig – zumindest aus schwarzer Perspektive. Leonardo Costa mit den weißen Steinen nutzte diese prächtige Lage, um sein Punktekonto auf vier Zähler zu schrauben.

Gewinnt nicht unmittelbar Material, aber entscheidet auf lange Sicht die Partie. Nach dem raffinierten Schach auf f4 wird sich der schwarze Gaul auf d3 einnisten, und Weiß gehen die Mittel aus, um Schwarz davon abzuhalten, den vierten Punkt im Turnier einzufahren.

Schach in Bayern: Nachwuchs, Gemeinschaft und gelebte Leidenschaft

Wenn man in Bayern über Schach spricht, kommt man an der OIBM, den Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften, kaum vorbei. „Offen“ ist hier nicht nur ein formaler Zusatz, sondern gelebtes Prinzip: Jede und jeder darf mitspielen. Alter, Wohnort oder Spielstärke spielen keine Rolle, Hauptsache, die Begeisterung für das Spiel ist da. Genau das macht das Turnier so besonders: Hier treffen Großmeister auf ambitionierte Nachwuchstalente, Hobbyspieler auf alte Schachhasen.

Damit das Ganze für alle spannend und lohnend bleibt, wird nach dem beschleunigten Schweizer System gespielt. Dieses Modus sorgt dafür, dass sich gleichstarke Spieler schneller gegenseitig begegnen und sich die Spielstärken im Verlauf des Turniers besser einpendeln. So bleibt das Turnier vom ersten bis zum letzten Brett attraktiv, für Zuschauer, Normenjäger und Spieler, die Wettkampf und Erholung geschickt miteinander verbinden.

Daniel Kovacs (6), der Jüngste im Feld. | Foto: Sebastian Siebrecht

Ein besonderer Fokus liegt in Bayern ohnehin auf der Jugendförderung, und gerade am Tegernsee wird das großgeschrieben. Unter dem Motto „Jugendpower pur!“ zeigen die jungen Spieler, was in ihnen steckt. Der Jüngste im Feld ist gerade einmal 6 Jahre alt, Daniel Kovacs.

Jugendnationalspieler Arian Alloussi. | Foto: Sebastian Siebrecht

Dazu kommen echte Nachwuchsgrößen: Arian Alloussi aus Berlin und Leonardo Costa aus München, beide Jugendnationalspieler, wobei Leonardo mit gerade einmal 17 Jahren bereits den Titel des Großmeisters (GM) trägt. Ein beeindruckendes Zeichen für die Stärke und Tiefe des deutschen Nachwuchsschachs!

Großmeister Leonardo Costa. | Foto: Sebastian Siebrecht

Der Bayerische Rundfunk war mit einem Fernsehteam vor Ort und hat das Geschehen rund um die OIBM eingefangen, vom Spitzenspiel bis zur Jugendsensation. Schön zu sehen, dass Schach diesmal nicht als Krimi-Requisite oder Denk-Klischee herhalten muss, sondern als das gezeigt wird, was es wirklich ist, Spannung, Konzentration und 64 Felder voller Leben.

Die Ausstrahlung lief bereits am 4. November 2025 um 18:50 Uhr in Bayern Aktuell und ist natürlich auch in der Mediathek verfügbar.

Die Mitarbeiterinnen der Tegernseer Tal Tourismus spielen nicht mit. Eine Schach-Schnupperstunde unter großmeisterlicher Anleitung von Sebastian Siebrecht bekommen sie traditionell trotzdem. || Foto: Sandra Schmidt

Doch die OIBM ist nicht nur Wettkampf, sie ist auch Gemeinschaft. Nach getaner Arbeit, wenn der Turniertag vorbei ist, trifft sich traditionell die TTT-Belegschaft zur Schachstunde, nicht am Turnierbrett, sondern ganz entspannt. Da geht es weniger um Wertungszahlen, sondern um den Spaß am Spiel, um Gespräche, kleine Revanchen und das, was Schach eigentlich ausmacht: das Miteinander von Menschen, die sich auf einem kleinen Brett ganz groß begegnen.

Schach in Bayern zeigt hier sein bestes Gesicht, offen, fördernd und menschlich.

Die Feinheiten der Auslosung am Tegernsee (wir haben sie vor vier Jahren hier aufgeschlüsselt) machen es möglich, dass zumindest in den ersten drei Runden jemand aus der „unteren“ Hälfte des Feldes sich ganz nach oben spielen kann. Anno 2025 ist das Dr. Christof Brixel gelungen, Elo 1926, nominell die Nummer 313 des gut 540-köpfigen Feldes. Der Wahl-Londoner, Vorsitzender des Clubs Hammersmith, hat seit seiner Pensionierung Zeit für sein Zweithobby Reisen – und längst den Tegernsee als lohnendes Ziel ausgemacht, um beide Hobbys miteinander zu verbinden.

Christof Brixel bekommt seinen Preis für einen Blitzstart, bevor er das Duell gegen den zu ihm hochgelosten GM Valentin Dragnev aufnimmt. | Foto: Sandra Schmidt

So gut wie 2025 lief es bei der OIBM noch nie für Brixel. Mit drei Siegen ist der Wirtschaftswissenschaftler gestartet, zwei davon gegen etwa 150 Elo stärkere Gegner. Nach drei Runden fand er sich mit einem 100-Prozent-Ergebnis als einziger U2000-Spieler in der Meisterriege an der Tabellenspitze wieder. Turnierdirektor Sebastian Siebrecht hat ihn für seinen Blitzstart vor Beginn der vierten Runde mit einem Sonderpreis bedacht.

Valentin Dragnev, mit nun 3/4 längst nicht abgehängt. | Foto: Sandra Schmidt

In der vierten Runde Runde wurde Brixel heruntergelost. Es ging gegen jemanden mit einem Punkt weniger auf dem Konto, kein Niemand allerdings. Großmeister und Nationalspieler (Österreich) Valentin Dragnev gelang es schließlich, Brixel die schachlichen Grenzen aufzuzeigen. Vor der fünften Runde stehen die beiden einträchtig in der Gruppe derjenigen mit drei Zählern, beide in Reichweite der Spitze.

Großmeister Szymon Gumularz, eine Hälfte der kleinen Gruppe, die auch nach vier Runden bei 100 Prozent steht. | Foto: Sandra Schmidt

Dort, an der Spitze, steht eine deutlich kleinere Gruppe, die aus nur zwei Spielern besteht. Von den 100-Prozentigen mit 3/3 schafften es nur die Großmeister Brewington Hardaway (USA) und Szymon Gumularz (Polen), ihre Partien zu gewinnen. In der fünften Runde werden die beiden klären, ob es zum ersten Mal im laufenden Turnier einen alleinigen Tabellenführer gibt.

Wer nicht glaubt, wie giftig das London-System sein kann, erkundige sich bei Brewington Hardaway. Hier ist (weil unter anderem a4-a5-a6 in der Luft liegt) schon 10…e6 absolute Pflicht, um (idealerweise inklusive …Lb4+) schleunigst den König aus dem Zentrum zu rochieren. Schwarz entschied sich für 10…Tc8 und stand schon fast auf Verlust.

Schwarz kämpfte ohnehin auf verlorenem Posten und entschied mutmaßlich deswegen, die Sache abzukürzen. Weiß zieht und setzt matt in zwei Zügen, keine schwierige Übung für den nominellen Turnierfavoriten Amin Tabatabaei, der nach seinem kampflosen Remis zum Auftakt nun mit 3,5/4 ganz oben anzuklopfen beginnt.

 

2 Grad. Der Himmel glasklar, die letzten Sterne verabschieden sich von ihrer Nachtschicht. Und ich? Joggen. Um diese Uhrzeit. Freiwillig.

„Levi“, sage ich, noch voller Tatendrang, „du weißt doch: Der frühe Vogel fängt den Wurm!“

Levi lugt im Schein meiner Nachttischlampe unter der Decke hervor. Draußen ist es stockdunkel. „Ja, Mama, aber erst die zweite Maus frisst den Käse. Denk mal drüber nach.“

Und zack, Decke wieder über den Kopf. Diskussion beendet.

Zum Zwecke der Dokumentation sei es gezeigt, auch wenn es bei weitem nicht an die Wirklichkeit heranreicht: Die Handykamera kämpft mit dem frühen Morgenlicht. | Foto: Yvonne Malinowski

Na gut, dann eben ohne Levi. Wir laufen los, Richtung See. Der Himmel, wolkenlos, schimmert in Farben, die irgendwo zwischen „Pfirsichsirup“ und „wahrscheinlich nicht mal im RAL-Register“ liegen. Ich habe so etwas schon mal gesehen, in meiner App für die smarten Wohnzimmerlampen. Da heißt die Szene „Morgenpanorama“. Nur dass das hier keine Simulation ist. Kein LED-Flackern, kein Stromverbrauch, echte, handgemachte Natur. Und das ist, ehrlich gesagt, ziemlich beeindruckend.

Als das Pfirsichsirup dem Himmelblau gewichen ist und die Sonne über den Horizont lugt, lässt sich die Szenerie in ihrer Farbenpracht fotografisch einfangen. Solange die Sonne hinter den Bergen weilt, ist das schwieriger. | Foto: Yvonne Malinowsky

Ich versuche, das festzuhalten. Meine Kamera gibt ihr Bestes und scheitert glorreich. Das menschliche Auge bleibt ungeschlagen. Ich kann’s einfach nicht einfangen. Da fällt mir der Fotograf Stev Bonhage ein, dessen Bilder gestern meinen Bericht so perfekt veredelt haben. Der könnte dieses Licht bestimmt einfangen. Ich stelle mir sein Foto geradezu bildlich vor, wie es aussehen könnte. Leider ist mitten in der Nacht nicht die charmanteste Zeit, um jemanden nach Sonnenaufgangsbildern zu fragen.

Er hätte das Morgengold aus Pfirsichsirup einfangen können. Aber ihn am frühen Morgen aus dem Bett klingeln und ans Ufer schleifen? Das wäre nicht charmant. | Foto via Freestyle Chess

Wir blicken zu den Bergen. Nichts. Die Sonne nimmt sich Zeit. Aber dann beginnen die Gipfel hinter uns in einem tiefen Rot zu glühen. Erst zart, dann immer stärker, bis das Licht kippt und plötzlich alles in goldener Klarheit steht. Der Moment zwischen Schatten und Sonne dauert nur Sekunden, aber er trägt eine Magie, die sich nicht beschreiben lässt. Er ist von der Sorte, für die sich jede schlaflose Nacht lohnt.

Ich schreibe das jetzt, aus dem Moment heraus, mit kalten Fingern und glühendem Herzen. Vielleicht hat Levi recht: Wer zu früh jubelt, verpasst manchmal, was danach kommt.

Doch wenn man immer nur wartet, bis etwas endgültig perfekt ist, verpasst man die Perfektion des Augenblicks. Und dieser Morgen, der war es wert, festgehalten zu werden.

Laut Wetter-App soll es morgen wieder so schön werden. Sonnenaufgang 7:03 Uhr „hinter den Bergen bei den sieben…..“, sichtbar allerdings für uns erst um 7:39 Uhr.
Zwischen frühem Vogel und zweiter Maus liegen also 36 Minuten. Zeit genug, sich anzuziehen, den Kaffee zu verschütten und trotzdem rauszugehen.

Fünfmal bricht für den Schachtross am Tegernsee noch ein Morgen an. Möge es wieder so wunderschön werden!

Sonnenaufgang am Tegernsee. | Fotos: Yvonne Malinowsky