„Wenn man nicht versteht, was man tut, bringt das nichts“: Christian Bauer im Gespräch

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Wie viel und wie gerne Christian Bauer Schach spielt, lässt sich an der Fortschrittstabelle der OIBM 2025 ablesen. Der 1977 in Forbach geborene Schachgroßmeister ist direkt von einem Turnier in Frankreich angereist, hat am Tegernsee sogar die erste Runde ausgesetzt, um teilnehmen zu können. Nächste Jahr wolle er weniger spielen, beteuert Bauer im Interview für das Turnierblog, das wir nach der sechsten Runde geführt haben.

Bauer gewann dreimal die französische Meisterschaft (1996, 2012, 2015) und erreichte im August 2012 mit einer Elo-Zahl von 2682 Platz 69 der Weltrangliste – seine beste Position. Für Frankreich spielte Bauer bei mehreren Schacholympiaden und Europameisterschaften, wo er 2001 Silber und 2005 Bronze im Team gewann.

„Ich spiele riskant“, räumt Bauer ein, was sich wahrscheinlich auch seine oft originelle Eröffnungswahl bezieht. Als Autor hat er eine ganze Reihe anerkannter Fachbücher veröffentlicht, unter anderem Eröffnungswerke über die semikrummen Eröffnungen, die Teil seines Repertoires sind, die Nimzowitsch- oder die Aljechin-Verteidigung etwa. Bauer ist auch ein gefragter Coach, der gerade erst den Schweizer Jugendkader bei der Weltmeisterschaft betreut hat.

Christian Bauer. | Foto: Sandra Schmidt

Das Interview:

Christian, warum sprichst du eigentlich so gut Deutsch?

(lacht) Mein Vater, Deutschlehrer, würde nicht sagen, dass ich so gut spreche. Ich bin in Moselle aufgewachsen, etwa 15 Kilometer von Saarbrücken entfernt, und damals war Deutsch im Gymnasium die erste Fremdsprache. Im Alltag haben wir zu Hause Französisch gesprochen, aber die Nähe zum Deutschen war da. Später habe ich dann angefangen, Turniere in Deutschland zu spielen – da kam die Sprache automatisch.

Du spielst viel, bist gerade direkt von einem Turnier in Frankreich an den Tegernsee gefahren. Keine Zeit für Pausen?

Ich habe mir tatsächlich vorgenommen, mein Pensum etwas zu senken. Nächstes Jahr will ich weniger spielen. Aber noch läuft’s ganz gut. Ich werde am Jahresende wahrscheinlich um die 30 Blitz- und Rapidturniere gespielt haben, plus sechs oder sieben klassische. Es macht mir immer noch Spaß, auch wenn es schwieriger wird, starke Turniere zu gewinnen.

Weil die Gegner jünger und besser werden – oder weil du den Zahn der Zeit spürst?

Ein bisschen von beidem vielleicht. Ich weiß nicht, ob die Jungen wirklich besser sind als früher. Sie lernen viel auswendig, aber nicht immer mit Verständnis. Es gibt viele, die schnell Fortschritte machen, aber nicht alle sind wirklich stark. Mein Eindruck ist: Sie verteidigen besser, aber sie verstehen die Grundlagen oft weniger.

Du bist ja auch Trainer. Versuchst du bei deinen Schülern genau da anzusetzen – Verständnis statt Auswendiglernen?

Absolut. Zum Beispiel vor drei Wochen in Albanien bei der WM, dort habe ich für die Schweiz gecoacht. Auch im Einzeltraining arbeite ich meist mit jungen Spielern und betone immer: Theorie ist schön, aber wenn man nicht versteht, was man tut, bringt das nichts.

Masterclass mit Christian Bauer am Rande der OIBM. | Foto: Sebastian Siebrecht

Wie verbringst du hier am Tegernsee deine freien Stunden?

Unspektakulär. Vormittags schaue ich meistens beim World Cup zu, und vor den Partien versuche ich, ein wenig zu schlafen. Meistens gehe ich zu Fuß zum Spielsaal, das dauert etwa 35 Minuten. Nach der Runde gehe ich noch ein bisschen spazieren, schaue abends vielleicht eine Netflix-Serie. Wandern gehe ich eher nicht, das wäre mir zu anstrengend. Ich will meine Energie fürs Schach sparen.

Heute hast du verloren. Viele Spieler sind nach so einem Tag schlecht anzusprechen, aber du klingst erstaunlich gelassen.

Das war nicht immer so. Früher habe ich mich mehr geärgert, aber mittlerweile gehe ich besser damit um. Ich spiele nun einmal riskant, dadurch verliere ich öfter als andere, das ist Teil meines Stils. Wichtig ist, dass man die Freude nicht verliert.