Aktuelle Infos und Beiträge zur OIBM

„Yesss!“ Mit diesem Ausruf und der dazugehörigen Geste meldete sich Andreas Kerpe von der SG Ludwigsburg nach der Partie bei Turnierdirektor Sebastian Siebrecht. Nach 81 Zügen hatte sich der Landesligaspieler einen IM-Skalp gesichert – mit etwas Hilfe seines Gegenspielers. IM Al Muthaiah aus Indien hatte angesichts einer Elo-Differenz von fast 400 Punkten ein ausgeglichenes Läuferendspiel nicht remis geben wollen. Sein Gewinnversuch hatte einen Haken: Er führte geradewegs in ein verlorenes Bauernendspiel.

So sehen Sieger aus: Andreas Kerpe nach seinem Auftaktsieg. | Foto: Sebastian Siebrecht

Allein angesichts der Fülle der Titelträger, die sich zur 28. Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaft versammelt haben, war rein statistisch wahrscheinlich, dass der eine oder andere Favorit straucheln wird, nachdem Kreuths Erster Bürgermeister Josef Bierschneider den Wettbewerb eröffnet hat. Aber tatsächlich blieb Kerpes Sieg an Brett 26 die einzige GM- oder IM-Niederlage an diesem Auftaktsamstag.

23.Sxh7! war nur der Auftakt. Luis Engel hatte berechnet, dass nach 23…Kxh7 24.Lxg6+! Kh8 (sonst wird es matt) 25.Lxe8 Lxe8 26.Lxc3 Dxc3 die Pointe 27.h7 eine Figur gewinnt. Der angegriffene Springer auf g8 hat keine Felder mehr, nur deswegen funktioniert die Kombi.

Was nicht bedeutet, dass die 24 Großmeister im Feld am Sonntag mit weißer Weste zur Partie kommen. Die beiden Österreicher Dominik Horvath und Valentin Dragnev ließen halbe Punkte, Leonardo Costa bei einem neuerlichen Heimspiel nahe seiner Heimat München auch. Speziell Horvath und Costa mussten sich strecken, um nicht mit leeren Händen dazustehen, und Dragnev blieb am Ende einer wilden Partie keine Alternative dazu, sich in ein Dauerschach zu retten.

Am Tegernsee spielen die unteren Bretter ganz oben in der Tenne. | Foto: Stev Bonhage

541 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 32 Nationen, das sind die Basisdaten der 28. Auflage des schönsten Opens in Deutschland. An der Spitze des Feldes hat sich personell kurzfristig das eine oder andere verschoben. US-Großmeister Brandon Jacobson ist kurz vor Anpfiff ins Feld gerutscht, außerdem sein großmeisterlicher Landsmann Kirk Ghazarian.

Der 19-Jährige wollte eigentlich am World Cup in Indien teilnehmen. Deswegen war er nach dem unlängst beendeten Europacup der Vereine nach Dubai geflogen, um sich in Sachen Zeitzone schon einmal Indien anzunähern. „Aber dann hat er festgestellt, dass sein Visum ungültig ist“, berichtet Siebrecht. Ghazarian disponierte kurzfristig um: OIBM statt World Cup. Und er saß am Samstag rechtzeitig in Bayern am Brett – ebenso wie der aus Südeuropa angereiste Teilnehmer (sein Name sei verschwiegen), der an einem Tegernsee-Parkplatz mit seinem Auto im Schlamm steckenblieb.

Großmeister Christian Bauer wird zur zweiten Runde ins Geschehen eingreifen. | Foto: Sandra Schmidt

Zwei prominente Teilnehmer werden erst zur zweiten Runde erwartet. Die Großmeister Christian Bauer (Frankreich) und Amin Tabatabaei (Iran) haben gerade erst das Schachfestival Capechecs in Cap d’Agde beendet. Sie durften mit einem „Bye“ und einem kampflosen halben Punkt ins Turnier starten. Ein anderer Prominenter beobachtet nur. Fotograf Stev Bonhage hat kurzfristig sein Wohnmobil an den Tegernsee gesteuert. Das eine oder andere seiner Werke wird im Turnierverlauf hier zu sehen sein.

23…T7xc2 war ein Fehler. Auf c2 rauszunehmen, ist nicht die Antwort, sondern 24.Sd2!. Der Springer wird mit Tempo eine Reise über d2 via e4 nach g5 antreten, und Schwarz steht wehrlos da.

Einmal mehr stark, wahrscheinlich rekordverdächtig stark, ist 2025 die Frauenkonkurrenz besetzt. Unter anderem WGM Zsoka Gaal (Ungarn), WGM Alua Nurman (Kasachstan), IM Rout Padmini und nicht zuletzt Nationalspielerin und Lokalmatadorin Jana Schneider haben nominell die besten Karten.

IM Rout Padmini. | Foto: Stev Bonhage

Stark besetzt sein wird auch das traditionelle Blitzturnier am Mittwoch. Wer bis dahin noch an seinen schachlichen Fähigkeiten feilen möchte, bekommt am Dienstag dazu eine Gelegenheit: Um 20.30 Uhr beginnt im Zelt im Innenhof eine großmeisterliche Masterclass mit Christian Bauer und Sebastian Siebrecht.

Von Yvonne Malinowsky

Herbst am Tegernsee. Das Laub schimmert in allen Schattierungen von Gold, die Sonne tut so, als hätte der Sommer nur kurz Pause gemacht und selbst die Käfer, die sich längst unter das Laub für den Winter verkrochen hatten, recken wieder ihre Fühler.

Schwarze Punkte auf rotem Kleid, willkommen bei Käfer auf Gut Kaltenbrunn in Gmund!

Vom 1. bis 9. November 2025 ist hier der Name „Käfer“ Programm, und das betrifft nicht nur Kulinarisches: Punkte soll es geben bei der Offenen Internationalen Bayerischen Schachmeisterschaft, kurz OIBM, und schachliche Feinkost auch.

Sommersimulation am Tegernsee mit einem Käfer, der die Fühler dem blauen Himmel entgegenreckt. | Foto: Yvonne Malinowsky

„Wohnen und Schachspielen“ am Tegernsee; das klingt fast zu schön, um real zu sein. Eine Kulisse wie aus dem Bilderbuch, als hätte jemand am Morgen einfach eine riesige Leinwand mit Alpenmotiv ausgerollt. Die Inspiration für Körper, Geist und Seele lässt die Vorfreude reifen für die erste Schachpartie am Samstag.

Die Eröffnung der Schachmeisterschaft? Ganz bayerisch, mit zünftiger Blasmusik, freundlichen Gesichtern und einer Reihe herzlicher Begrüßungsworte. Allen voran Turnierdirektor GM Sebastian Siebrecht, der alle Anwesenden willkommen heißt und mit seiner lebendigen Art sofort das Gefühl vermittelt, man befinde sich zugleich auf einem Schachturnier und im Urlaub.

In den letzten Jahren hatte ich das Vergnügen, einige dieser „Schachurlaube“ mitzuerleben, meist als Begleitung meines Sohnes Levi. Vom klassischen Open bis zur Jugendweltmeisterschaft, vom Ligakampf bis zum Blitzturnier im Einkaufszentrum war alles dabei. Wundervolle Orte, die mein Sohn, der in unserer Familie die meisten Partien bestreitet, allerdings meist nur aus einer ganz bestimmten Perspektive kennt: dem Turniersaal. Oder, um ehrlich zu sein, manchmal leider auch eher dem, was man großzügig so nennt: Keller, Hallen, stickige Räume; darin Tische oft dicht an dicht gedrängt auf wenigen Quadratmetern.

„Brett“ – ein dehnbarer Begriff

Levi hat sich hochgearbeitet, sowohl auf der Rangliste als auch in der „Etagenordnung“. Vom Untergeschoss, in das es tatsächlich einmal hineingeregnet hat und die Pfütze so liegen blieb (kein Witz!), bis hin zu Livebrettern oben im Spiegelsaal. Manchmal sind die hinteren Bretter in Räumen untergebracht, die so weit ab vom Tageslicht liegen, dass man glauben könnte, Schach gehöre versteckt. Und „Brett“ ist dabei ein dehnbarer Begriff, oft sind es zwei zusammengeschobene Kunststoffhälften mit Plastikfiguren, deren Türme keine Zinnen mehr haben und deren Könige längst „entkrohnt“ sind.

Und was hat das jetzt alles mit der OIBM am Tegernsee zu tun?

GAR NICHTS !

Und genau darin liegt das Schöne, das ich hiermit betonen möchte. All das gibt es hier nicht. Stattdessen:

Brett 274 wäre anderswo der Katzentisch. Nicht so am Tegernsee. Hier steht Brett 274 in der Tenne, und es ist, wie alle anderen, aus Holz. | Foto: Yvonne Malinowsky

Zwei wunderschöne Spielsäle, unten der ehemalige Rinderstall, jetzt edel hergerichtet mit den Livebrettern und den „anonymen“ Brettern der oberen Tabellenhälfte. Und oben (ja genau, oben, nicht unten, wie so oft) führt ein endloser roter Teppich durch die zauberhafte alte Scheune, genannt „Tenne“, extra nur für die zweite Teilnehmerhälfte hergerichtet. Beide Säle sind hell, warm, gemütlich. Große Tische, perfekte Beleuchtung, Platz zum Atmen. Und das Beste: Selbst das allerletzte Brett ist aus Holz mit echten Holzfiguren. Dieser Anblick beeindruckt und wird dem königlichen Spiel sowie diesem malerischen Spielort mehr als gerecht.

Dazu genug Platz, um neben dem Brett einer dieser stylischen „Käfer“-Tassen, unseres Gastgebers, mit frisch gebrühtem Kaffee abzustellen und uns daran zu erinnern, weshalb wir hier sind…

….um stilvoll Punkte zu sammeln und diese Zeit hier zu genießen.

Stilvoll Punkte sammeln und die Zeit genießen: Brett mit stylischer Käfer-Tasse. | Foto: Yvonne Malinowsky

Es freut uns, dass unter den ambitionierten Schachspielerinnen und -spielern aus über 30 Nationen wieder viele Titelträgerinnen und Großmeister zum Königlichen Spiel an den Tegernsee gereist sind. Der historische Vierseithof Gut Kaltenbrunn, einst von König Max I. Joseph erworben, hat sich mittlerweile zu einem der bedeutendsten Austragungsorte für das „königliche Spiel“ in Europa etabliert.

Das liegt sowohl an der einzigartigen Lage als auch an der glücklichen Verschmelzung von Tradition, Kultur und sportlichem Wettstreit an diesem Ort. Unser herzlicher Dank gilt allen Helferinnen, Helfern, Sponsoren und unserem Gastgeber Michael Käfer. Nutzen Sie während des Schachspiels gern die Spielpausen für Entspannung und Erholung. Lassen Sie Ihre Blicke in die Ferne auf das grandiose Schauspiel aus See und Bergpanoramen schweifen und sich von der landschaftlichen, kulturellen und kulinarischen Vielfalt der Region verzaubern.

DAS KOMPLETTE BULLETIN ZUM DOWNLOAD:

Großmeister Titas Stremavicius aus Litauen hat die 27. Offenen Internationalen Bayerischen Meisterschaften gewonnen. Mit 7,5 Punkten aus 9 Partien belegt der 26-Jährige den ersten Rang vor dem punktgleichen Rinat Jumabayev, der wegen der schlechteren Wertung mit dem zweiten Platz vorliebnehmen muss.

Hinter den beiden Spitzenreitern drängeln sich neun Spieler mit sieben Punkten, darunter Turnierfavorit Dmitrij Kollars, der nach Wertung den dritten Platz belegt. Marius Deuer (16) auf Rang vier hat am Tegernsee seine erste Großmeisternorm geschafft.

Turniersieger Titas Stremavicius (3.v.r.), umrahmt vom Zweitplatzierten Rinat Jumabayev und dem Drittplatzierten Dmitrij Kollars. Bad Wiessees zweite Bürgermeisterin Birgit Trinkl (2.v.l.) unterstützte Veranstaltungsleister Peter Rie (l.) und Turnierdirektor Sebastian Siebrecht (r.) bei der Preisverleihung. | Foto: Sandra Schmidt

Vor der neunten und letzten Runde war überhaupt nicht abzusehen, wer am Ende das Rennen machen würde. Elf Spieler lagen punktgleich mit 6,5 Zählern vorne, jeder mit der Chance, mit einem Sieg zum Abschluss das Turnier zu gewinnen. Durch die schwarz-rot-goldene Brille betrachtet, war insbesondere die Paarung am ersten Brett brisant: Marius Deuer vs. Dmitrij Kollars.

Marius Deuer gegen Dmitrij Kollars. | Foto: Sandra Schmidt

Für Deuer galt, dass er nicht verlieren darf, um seine erste GM-Norm zu erzielen, während Kollars davon ausgehen musste, dass er nur mit einem Sieg über Deuer das Turnier gewinnen kann. Dieser explosiven Ausgangslage wurde Kollars mit einem frühen Bauernopfer für freies Spiel gerecht. Deuer befreite sich, indem er den Bauern zurückgab, um die schwarze Aktivität einzudämmen – erfolgreich, aber die Partie verflachte. Schon nach gut 20 Zügen stand ein ausgeglichenes Endspiel auf dem Brett, in dem für beide Seiten keine Siegperspektive zu finden war. Nach 25 Zügen einigten sich die beiden auf Remis.

Rinat Jumabayev gegen Giga Quparadze. | Foto: Sandra Schmidt

Aus Sicht der anderen Spieler mit 6,5 Punkten war dieses Remis des nach Wertung führenden Kollars die Gelegenheit, selbst die Tabellenspitze zu übernehmen. Als Erstem gelang dem kasachischen Großmeister Jumabayev dieses Unterfangen. Sein Gegner, der georgische Großmeister Giga Quparadze, war in einem Najdorf-Sizilianer in einen taktischen Überfall geraten, der ihn Material kostete. Quparadzes verzweifelter Versuch, einen Konter aufzuziehen, scheiterte.

15.Sdb5!, der Anfang vom Ende. Weiß plant, auf b7 und c5 zu schlagen, und dann liegen Springergabeln auf d6 in der Luft.

Nun blieb Jumabayev nichts anderes als zuzuschauen, ob ihn jemand ein- bzw. überholt. Nominell sollte der Großmeister Venkataraman Karthik die besten Aussichten haben. Der Inder war zwar mit den schwarzen Steinen, aber vor allem mit einem Eloplus von 330 Punkten in die Partie gegen die schottische Turnierüberraschung FM Neil Berry (Elo 2248) gegangen. In einer statischen, ruhigen Stellung kämpfte der Inder bis tief ins Endspiel, vermochte aber gegen den soliden Schotten nichts auszurichten.

Weiß sucht bei beginnender beiderseitiger Zeitnot die Eskalation. Auf 28….cxd4 folgt 29.Db4+ mit Spiel gegen den schwarzen König.

In der wildesten Partie des Tages schien der junge GM Elham Amar gute Aussichten zu haben, Roven Vogel zu besiegen und zu Jumabayev aufzuschließen. Aber Vogel, mit 6 Punkten nicht mehr im Rennen um den Turniersieg, wehrte kaltblütig alles ab, was Amar gegen seinen König warf. Am Ende stand der Dresdner mit einem Mehrturm und einen vollen Punkt da, und der Norweger fiel zurück ins Feld.

Titas Stremavicius gegen Alexander Naumann. | Foto: Sandra Schmidt

Bei Titas Stremavicius sah es lange nicht aus, als böte ihm Alexander Naumann eine Gelegenheit, ganz oben einzugreifen. Dann, bei reduziertem Material in einer auf den ersten Blick unschuldigen Stellung, offenbarten sich bei genauerem Hinsehen garstige Mattdrohungen gegen Naumanns König. Stremavacius hatte klammheimlich ein Mattnetz gesponnen. Als es Naumann auffiel, war es zu spät, daraus zu entkommen.

Als plötzlich das Mattnetz gesponnen war: Nach 46.Tf7! droht 47.Sd5 nebst matt. Das kann Schwarz nur unter Materialverlust verhindern.

Neben den 15 Hauptpreisen vergaben Veranstaltungsleiter Peter Rie und Turnierdirektor Sebastian Siebrecht eine ganze Reihe von Preisen in Rating- und Alterskategorien. Ein Auszug:

U18: Kevyan Farokhi

U16: Temur Toktomushev

U14: Lukas Dotzner

Frauen: Nutakki Priyanka

Senioren: Arno Zude

U2400: Rick Frischmann

U2200: Christian Köhler

U1900: Tobias Schöll

U1600: Maik Wilschinsky

FIDE-Meister Andreas Ciolek vom SK Singen schickt ein wildes, pointenreiches Duell aus der achten Runde. Sein Kommentar lässt es aussehen, als hätten sich unerwartet immer neue Probleme vor ihm aufgetürmt, und dann habe er spontan improvisieren müssen. Wir nehmen ihm das nicht vollständig ab, gehen davon aus, dass deutlich mehr Voraussicht im Spiel war, als Ciolek durchblicken lässt – und verleihen ihm den Preis für die schönste Partie der achten Runde.

Andreas Ciolek mit Turnierdirektor Sebastian Siebrecht. | Foto: Sandra Schmidt